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Berichte

Gipfel der Ignoranz

(von Von Michael Bauchmüller (Süddeutsche Zeitung)

Die Reichen und Mächtigen tagen in New York, die Armen und Schwachen im brasilianischen Porto Alegre. So würden es beide Seiten gerne sehen, aber so einfach ist es längst nicht mehr. Die Gegenveranstaltung zum einflussreichen New Yorker Weltwirtschaftsforum, das so genannte Weltsozialforum in Porto Alegre, ist mittlerweile mehr als nur ein Zusammentreffen politisch Korrekter. Nicht mehr allein die massierte Anwesenheit von Globalisierungskritikern macht es wichtig - beim Sozialgipfel wird an Konzepten und Strategien gebastelt. Inzwischen schicken auch Regierungen von Industrienationen - abgesehen übrigens von der deutschen - Vertreter an den Rio Guaíba. Richtig ernst aber nehmen Wirtschaft und Politik die Gutmenschen-Veranstaltung im Süden noch immer nicht. Ein fataler Fehler. Während in New York die reale Ökonomie tagt, sägt man in Porto Alegre an den ökonomischen Realitäten. In vielen Ländern haben die Globalisierungskritiker im vergangenen Jahr Strukturen aufgebaut, die ihre Aktionen schlagkräftiger machen und ihre Stimme lauter. In Porto Alegre treffen sie erstmals seit langem alle zusammen. Wenn nun auch lateinamerikanische Politiker mit den Sozialgipflern marschieren, weil ihnen die Bemühungen um eine Freihandelszone für Nord-, Mittel- und Südamerika zu weit gehen, müssten in New Yorker Konferenzsälen alle Alarmglocken schrillen. Selbst in Volkswirtschaften, die sich dem Welthandel geöffnet haben, finden diejenigen Zulauf, die das Rad des Marktes zurückdrehen wollen. Die Kritik an der Globalisierung ist salonfähig, aber die Engagierten auf beiden Seiten verschlafen den Dialog. So, wie sich das Weltwirtschaftsforum immer wieder vorwerfen lassen musste, kritische Stimmen zu ignorieren, sprechen die Kritiker in Porto Alegre im geschlossenen Zirkel. Belgiens Premier Guy Verhofstadt ließ man gar nicht erst zu. Begründung: "Zu neoliberal". Der Hintergrund ist immer gleich: Man nimmt einander nicht ernst und wähnt beim je anderen ideologische Scheuklappen. Das ist arrogant und gefährlich: Ignoranz der Macht auf der einen, Ignoranz der Kritik auf der anderen Seite. Die Schere konkurrierender Konzepte wächst, ohne dass jemandem geholfen wäre. Die bessere Welt entsteht so nicht.

 

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Aus www.weltsozialforum.org, gedruckt am: Mo, 15.07.2019 ©
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