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Berichte

Sozialforum

Der Traum von Porto Alegre

(von Wolfgang Metzner (Stern, Ausgabe 7, Seite 42 ff)

Beim Weltsozialforum in Brasilien versammelten sich 50 000 Globalisierungsgegner. Die Kinder von Che Guevara und Bill Gates wollen mehr Gerechtigkeit

Stalin sieht echt angestaubt aus. Geht schlecht, das T-Shirt mit dem Bild des russischen Diktators samt Hammer und Sichel, das Michel von der brasilianischen Kommunistischen Partei anbietet. Aber Che lebt. Che-Guevara-Shirts sind der Renner. Der Comandante, der auszog, Lateinamerika zu befreien, ist auferstanden. Tanzt überall auf den verschwitzten Körpern, die durch die Stadt ziehen. Der dunkle Beau von der Schwulengruppe reckt einen riesigen Schaumstoff-Phallus in die Luft, während neben ihm die Mütter aus Argentinien auf Kochtöpfe schlagen. Der Schwarze Block hat die Gesichter vermummt, aber statt mit Steinen wirft er mit Friedensparolen. Und Jose Bove, der schnauzbärtige Obelix, der in Frankreich schon mal eine McDonald's-Filiale zerlegt hat, ruft im Palästinensertuch zum Marsch nach Jerusalem auf. Mitten im Getümmel meditieren in orangefarbenen Kutten die Mönche von Ananda Marga . "Ich glaube an die totale Revolution, an die Umwertung aller Werte", hat Dada aus Neuseeland gerade noch gesagt, bevor er die Augen schloss.

"Im Grunde genommen sind das alles Spinner, die hierher gekommen sind", sagt Tobias, früher BUND-Aktivist in Deutschland, der sich seit einem Jahr um Frauen und Kinder in Elendsvierteln von Uruguay kümmert. Der 29-jährige Kirchenmann mit dem blonden Stoppelhaar meint das nicht böse. Er sagt: "Wenn so viele Spinner zusammenkommen, dann bewegt sich was auf dieser Erde. Dann verändert das diesen Planeten." DAS IST DER TRAUM von Porto Alegre: "Eine andere Welt ist möglich." Auf Hunderten von Spruchbändern prangt diese Parole in der südbrasilianischen Millionenstadt, in die rund 50 000 Globalisierungsgegener aus allen Kontinenten gekommen sind. Der Freak aus Alaska mit den Rasta-Locken, der mit dem Fahrrad unterwegs ist. Federgeschmückte brasilianische Urwaldindianer und deutsche Attac-Bleichgesichter. Aus dem "Volk von Seattle", das 1999 erstmals gegen die Macht der Multis auf die Straße ging und eine Tagung der Welthandelsorganisation WTO sprengte, ist eine Völkerwanderung geworden. Und New York ist weit. Dem "World Economic Forum", das dort zur selben Zeit im Astoria-Hotel tagt, dreht man hier einfach den Rücken zu. Dieser Dinosaurier soll nicht mal mehr die Welt der Worte beherrschen. Das Treffen in Porto Alegre soll sich nicht mehr als "Antiglobalisierungsforum" bezeichnen, findet Noam Chomsky, amerikanisches Urgestein der Bewegung. "Hier ist niemand gegen Globalisierung von Demokratie und Menschenrechten", verkündet der Linguistik-Professor gleich zum Auftakt, "es ist die erste wirkliche Internationale, die hier tagt."

Nicht zufällig in Porto Alegre: Unter der Regierung der brasilianischen Arbeiterpartei PT ist die grüne Metropole zum gesellschaftlichen Labor geworden. Die Bürger können bei der Vergabe der Haushaltsmittel mitbestimmen wie nirgendwo sonst auf der Erde. Und sie sind stolz darauf, das "Weltsozialforum" zum zweiten Mal in ihrer Stadt zu haben. "Das ist ein Platz für die Armen, um sich zu artikulieren", sagt die 48-jährige Susanna, die als Finanzbeamtin gearbeitet hat und jetzt mit ihrer schwarzen Tanzgruppe die Traditionen der Sklaven wach hält. "Das Treffen wird immer größer. So groß, dass man die vielen Stimmen hier nicht mehr totschweigen kann." Der Campus der Katholischen Universität, wo alles zusammenströmt, ist ein Jahrmarkt für Parolen, Politbroschüren und Hippieschmuck geworden. Aber während draußen Sambagruppen tanzen und Clowns auf Stelzen durch die Menge torkeln, herrscht in den Konferenzsälen eine fast klösterliche Konzentration. Da berichtet der mexikanische Agro-Experte auf dem Podium davon, dass sein Land, einst "Mutter des Mais", inzwischen genmanipuliertes Korn importieren muss - und alle lauschen angestrengt in die Simultan-Kopfhörer. Da klagt Gerd Leipold, deutscher Chef von Greenpeace International, dass die Politiker Partys feiern, während Pole und Gletscher in bestürzendem Tempo unter der Treibhausglocke schmelzen - und alle Videokameras surren. Da nimmt die US-Anwältin Lori Wallach ein dickes Buch mit den Regeln der WTO in die Hände und schmeißt es in hohem Bogen auf den Boden, weil sie "einfach nicht funktionieren" - und alle johlen, froh darüber, wie einfach eine Botschaft doch sein kann.

Die wirkliche Arbeit wird in Hunderten von Workshops gemacht, wo sich Delegierte aus aller Welt über Patentrechte auf Pflanzen in Indien den Kopf zerbrechen. Über Privatisierung der Wasserversorgung in Bolivien und einen besseren Schutz für Näherinnen in den "Sweatshops" von Jakarta oder Manila. Über Alternativen zu den "Teufeln" Internationaler Währungsfonds und Weltbank in Washington, die den Planeten durch ihren gnadenlosen Neoliberalismus zum Schlachtfeld eines universellen Konkurrenzkampfes gemacht hätten. Auch ein Apo-Veteran aus Deutschland ist angereist. Professor Elmar Altvater aus Berlin spricht über "Kapitalakkumulation" und "explodierende Finanzmärkte". Der 19-jährige Juso Andreas aus Zürich hört staunend zu. Dabei ist der Junge mit der roten Mähne, die bis zum zarten Kinnbart reicht, selbst schon ein Veteran der Bewegung. Nicht in der Theorie, aber in der Praxis. Im vergangenen Jahr wollte er in Davos gegen den Weltwirtschaftsgipfel antreten. Kam nur bis zu einem Bahnhof, wo die Staatsmacht seinen Zug stoppte. Der Rest war Tränengas aus einem Helikopter. Und der Vorsatz, Geld für den Trip nach Porto Alegre ranzuschaffen. Dass hier so viele Themen und Widersprüche aufeinander prallen, empfindet er nicht als Schwäche. Im Gegenteil: "Diese Vielfalt ist doch ein Gewinn." Porto Alegre, dieser "fröhliche Hafen", hat für jeden einen Platz. Und abends, wenn der Krieg der Köpfe vorbei ist, ziehen 10 000 Jugendliche in eine Zeltstadt, die unter roten Transparenten vor glitzernden Business-Gebäuden errichtet worden ist. Da ruft ein Guru aus Mexiko, der schon so weit entrückt ist, dass er seinen irdischen Namen nicht mehr weiß, mit dem Muschelhorn Getreue um sich. Die wollen den Planeten ändern, indem sie beim Sonnenuntergang rund um ein "kosmisches Feuer" spirituelle Kräfte anbeten. Die Theatergruppe spielt die Moritat vom Aufstand der Landlosen in Nordostbrasilien, während daneben Rap-Kanonaden aus riesigen Boxen über das friedliche Heerlager schallen. Woodstock meets Weltjugendfestspiele. Und gelegentlich steigen Haschwolken aus den Hängematten auf.

"EINE ANDERE WELT IST MÖGLICH." Aber welche? Weiß niemand hier so genau. Im Zeltlager schon gar nicht. In den Konferenzsälen wird über Steuern auf "heißes Geld" geredet, über die "Tobin-Tax", die Spekulationsgewinne zugunsten der Dritten Welt abschöpfen soll. Über Sondersteuern für Multis. Über internationale Schiedsgerichte, die hoffnungslos überschuldete Dritte-Welt-Länder von ihren Lasten befreien sollen. Die große Vision, ein geschlossenes Konzept, das gibt es noch nicht - und das wird es wohl auch nie geben. "Das ist doch gerade eine Stärke dieser Bewegung, dass sie keine Lösung für die ganze Welt hat", sagt Andreas, der in Zürich Philosophie studiert. "Think big" will man gern New York überlassen. Arundhati Roy, die berühmte Globalisierungskritikerin aus Indien, hat ein Buch geschrieben, das "Der Gott der kleinen Dinge" heißt. "Klein" ist auch das Zauberwort in Porto Alegre. Kleine Schritte. Dezentrale Lösungen. Erdverbunden. Das globale Dorf. Die Göttin dieser Botschaft ist Vandana Shiva. Die Inderin kämpft schon lange dagegen, dass in ihrem Land Getreideberge in Speichern verrotten, während sich verarmte Bauern nicht mal mehr Saatgut leisten können. Wettert gegen die "organisierte Gier" der Multis und will "Freiheitszonen" auf dem Land schaffen, wo die keinen Zugang haben. "Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sie ist nötig, und wir werden sie schaffen", sagt Vananda Shiva. Alle jubeln ihr zu. Das ist der Moment, in dem die Spinner von Porto Alegre wissen: Sie sind auf der Siegerstraße. Die Kinder von Che Guevara und Bill Gates wollen sich nicht mehr stoppen lassen. Der lange Marsch von Porto Alegre geht erst richtig los.

 

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