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Berichte

"Gekidnappt von den Salafisten"

Bericht von Sarah Forman, Studentin des Watson Instituts für internationale Studien der Brown Universität in Providence, Rhode Island, USA (Ostküste)

(Quelle: http://www.globalconversation.org/2012/03/27/kidnapped-salafists, Übersetzung vom Englischen ins Deutsche von T. Trotzki)

Für unsere abschließende Debatte am Freitag besuchten wir Student_innen von der Tunis Business School (TBS). Zum ersten Mal hatten wir die Chance eine kostenlose, öffentliche Institution zu erkunden, und diese war ganz anders als die privaten Schulen, wo wir unsere ersten beiden Debatten abhielten. Vor allem waren die Schüler_innen weit mehr religiös, und viele glaubten daran, dass es möglich sei mit islamischen Traditionen das Land zu führen.

In der zweiten Hälfte der Woche wohnte ich bei einer Gastgeberin von der TBS, und im Gegensatz zu meiner ersten Gastgeberin trug sie ein Kopftuch und betete fünfmal am Tag. Zwei ihrer besten Freunde nannten sich selbst Salafisten, und alle anderen in ihrem Freundeskreis unterstützten Ennahda (eine islamistische Partei, die die Mehrheit in der neuen Regierung Tunesiens gewonnen hat). Als wir die Schule nach der Debatte verließen beschlossen sie, mich zur Kasbah (Regierungssitz) mitzunehmen um dort bei einer Protest-Veranstaltung mitzumachen, bei der die verfassungsgebende Versammlung aufgerufen wird, in die neue tunesische Verfassung die Scharia (islamische Werte und Gesetze) aufzunehmen.

Leider endete jedoch der Protest an diesem Tag als wir ankamen (scheinbar haben tunesische Proteste formale Start- und Endzeiten). So habe ich (noch) keine Erfahrungen mit tunesischen Demonstrationen sammeln können. Aber wir sind noch um die verschiedenen Regierungsgebäude herumgewandert und wir redeten dabei über ihre religiösen und politischen Ansichten.

Im Grunde glaubten meine neuen Freunde, dass der Islam ein wichtiger Teil der tunesischen Kultur und Identität sei, der in jeder wahrhaft repräsentativen Regierung und Verfassung aufgenommen werden müsse. Sie betonten auch, dass das islamische Recht die einzige Möglichkeit sei, die Rechte der Frauen und die Religionsfreiheit zu schützen, weil die bisherige Regierung die Trennung von Staat und Religion als Vorwand missbraucht habe, um Frauen dazu zu zwingen ihre Hijaabs abzulegen und Männer dazu ihre Bärte zu rasieren. Es ist ein Argument, das ich nicht wirklich akzeptiere, aber es half mir zu verstehen, dass viele Leute stärker konservativen Bewegungen beigetreten sind aus dem echten Wunsch Tunesien zu verbessern.

Ennahda hat eine beeindruckende Arbeit der Annäherung an die Tunesier außerhalb von Tunis geleistet (wo die Familien von den meisten Schüler_innen leben), und die Partei unterstützt eine Fülle von sozialen Programmen, die Nahrung, Kleidung und andere Hilfe für die armen Menschen anbieten. Die meisten der anderen, progressiven Parteien haben diese Bevölkerung ignoriert, so dass diese Schüler empfanden, dass diese ganz ohne Beziehung zum "realen Tunesien" seien. Wiederum ist es leicht zu erkennen, warum so viele junge Menschen auf stärker konservative Ansichten annehmen, die nicht perfekt mit den Zielen der Revolution übereinzustimmen scheinen.

Meine Freunde sprachen abfällig von nicht-islamistischen Parteien, und sie neigten zu denken, dass die Vielzahl der politischen Parteien das Land spaltet und die Einheit Tunesiens zerstört, die man unmittelbar nach der Revolution genossen hat.

Zuhause in Amerika werden Islamisten mit dieser Art von Ansichten oft als al-Qaida-Typen mit langen Gewändern und endlosen Bärten dargestellt. Meine Freunde waren überhaupt nicht wie jene erschreckenden Charaktere im Fernsehen - sie tragen Diesel-Jeans und Lederjacken, und sie singen, wenn "Vamos a la Playa" im Radio gespielt wird. Aber sie glauben auch, dass der Islam eine grundlegende Komponente jeder tunesischen Führungsstruktur sein sollte. Wieder einmal hat dieses Land meine Erwartungen über den Haufen geworfen durch das Zusammenbringen mit Studierenden mit fortschrittlichen Beweggründen für die Unterstützung einer religiösen Regierung. Sie waren süß und großzügig und verzweifelt darum bemüht sicherzustellen, dass ich eine gute Zeit in Tunesien verbringe, und sie haben mir ein sehr kompliziertes Bild vermittelt über die verschiedenen Arten des politischen Islam in Tunesien.


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