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Berichte

Das Weltsozialforum in Tunis: ein Akt von sehr wichtiger symbolischer Tragweite

Die sozialen Bewegungen in Tunesien haben ihre Stärke eindrucksvoll gezeigt.

(von Said Salim, Attac Frankfurt)

Das Weltsozialforum in Tunis war ein Akt von sehr wichtiger symbolischer Tragweite: Die sozialen Bewegungen in Tunesien haben ihre Stärke eindrucksvoll gezeigt. Das Organisationskomitee,  bestehend aus der Gewerkschaft UGTT, der Union der arbeitslosen Absolventen UDC und der Menschenrechtsorganisation LTDH, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Verlauf der gesamten Veranstaltungen sehr zufriedenstellend war. Die Regierung und regierungsnahen Organe wurden von der Organisation und vom Verlauf  der Veranstaltungen ferngehalten und haben sich auf die Sicherstellung der Sicherheit der Teilnehmenden beschränkt. Kein Regierungsmitglied hatte Zugang zu den WSF-Veranstaltungen, was in der arabischen Welt - in der der Bruder-Präsident, der Bruder-Chef der Revolution bzw. ihre Majestät die Könige aus welchem Anlass auch immer Reden gehalten haben und jede Veranstaltung für ihre Werbezwecke missbraucht haben - ein neues Erlebnis ist.

An der Universität, die ein offener Raum ist, sowie in der Abschlussdemonstration waren Islamisten und Salafisten vertreten; sie waren aber keine Teilnehmer am WSF und kein Teil der sozialen Bewegung Tunesiens. Erwünscht waren sie nicht. Einige Vereine, die der islamistischen Bewegung nahe stehen und im Sozialfeld tätig sind, hatten Stände an der Universität. Einige Vertreter der sogenannten „zivilen Gesellschaft“ einiger Länder waren eher Vertreter der Regierungen, die sie nach Tunis schickten. Alles in allem aber war das Weltsozialforum ein Raum für die sozialen Bewegungen weltweit. Dass das ein Freiraum ist und bleiben soll, bedeutet auch, dass dieser Raum von nicht fortschrittlichen bzw. regierungsnahen Organisationen zweckentfremdet werden kann; dies ist aber eine Randerscheinung, die das Ganze nicht beeinflussen kann.

Für Tunesien und die sozialen Bewegungen Tunesiens war das WSF sehr bedeutend. Eine bestimmte Haltung mit Kampfliedern, Slogans und einigem Pathos - für die arabischen Fortschrittlichen typisch - war für viele Teilnehmer irritierend bzw. befremdend. Nach 60 Jahren Unterdrückung durch alle Regime in der Region - auch die Regime Nassers und der Baath-Partei, von den prowestlichen Regimen und der Golfmonarchien ganz zu schweigen - waren diese Aktivistinnen und Aktivisten stolz darauf öffentlich zu zeigen, dass sie noch da sind. Dass sie jetzt durch die Islamisten und Salafisten physisch bedroht werden trägt zu diesem Pathos bei. Das ist verständlich.

Es gab aber auch Probleme: Einige wenige Plakate mit Bildern von Saddam Hussein bzw. Baschar Al Assad oder gar Khomeini, die wahrlich für die sozialen Bewegungen bestimmt nicht die Emanzipation verkörpern. In ähnlichen Demonstrationen in Europa sehen wir zwar auch sehr vereinzelt Bilder von Lenin, Stalin und Mao und die besagten Plakate wurden von einer Handvoll „Einzeltätern“ getragen, aber wir sollten das trotzdem benennen. Die sozialen Bewegungen müssen sich und den Menschen treu bleiben und nicht den Dogmen, sie müssen die nötige Distanz zu allen Regierungen wahren, dem Personenkult gegenüber fremd bleiben, sich entschieden anti-rassistisch positionieren und sich nicht auf Slogans und verkürzte Kritik beschränken.

In Tunesien gibt es eine Perspektive für den dritten Block, der gegen die Regimereste und gegen die Islamisten agieren kann. Unter einigen deutschen Teilnehmern gab es in Tunis leider dieselbe Diskussion wie in Berlin, diese ewige Diskussion zwischen den Anti-Deutsch- und Anti-Imps-geprägten. Einige haben aus meiner Sicht gar nicht wahrgenommen dass sie in Tunis sind und nicht in Berlin. Der negative Ethnozentrismus ist auch Ethnozentrismus. Ein dritter Block ist hier auch nötig. Zwischen den Hardcore-Antideutschen, die sich tags- und nachtsüber mit der israelischen Politik solidarisieren und den vermutlichen „Islamfaschismus“ als die größte Bedrohung sehen und den Hardcore-Anti-Imps, die alles was gegen die USA ist per Prinzip gutheißen, müssen sich die sozialen Bewegungen nicht entscheiden, gegen sie schon.

Das WSF in Tunis war gut, eine Verschiebung hat stattgefunden. Die arabische Welt hat aufgehört ein Konstrukt, eine Projektionsfläche der Linken und Rechten zu sein. Ewiggestrige werden das verleugnen. Aber die Zeit ist gekommen in der die Zukunft der Region von den Anwohnern dieser Region entschieden wird; Objekte sind die Menschen dort nicht und was sie sagen passt allen nicht, kann aber nicht mehr ganz ignoriert werden. Das ist eine schwierige Erfahrung, auch für einige hier im Lande. Tunis ist nun einmal nicht Berlin.

 

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