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Berichte

WSF 2021 digital – Einige Informationen und Reflektionen

(von Judith Dellheim, Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa Luxemburg Stiftung)

Wie vor 20 Jahren beim ersten Weltsozialforum (WSF) in Porto Alegre (Brasilien) fand auch das diesjährige WSF parallel zum Weltwirtschaftsforum (WEF) statt, beide digital. Allerdings fehlte Ende Januar das Medienecho für das WSF und im weiteren Unterschied zum WEF soll es kein WSF im Mai geben. Dennoch verdient das linke Event mit ca. 6.000 registrierten Teilnehmer*innen aus 144 Ländern und mit, dank facebook, Instagram, youtube und vielen Websites, de facto insgesamt über 10.000 Partizipierenden Beachtung. Vor allem aber erfordert es gründliche Analyse, jedenfalls seitens der Sozialist*innen.

Zur Vorgeschichte

Nach dem letzten WSF 2018 in brasilianischen Salvador war man sich einig: Sollen die Erfolge der WSF-Bewegung eine Fortführung erfahren, muss das Forum handlungsorientierter werden. Die WSF- Erfolge können wie folgt zusammengefasst werden: vielfältige globale emanzipativ-solidarische Bewegungen für gesellschaftliche Alternativen wurden in ihrer Gemeinsamkeit sichtbar, eine globale Bildungsbewegung entstand, eine neue Praxis des Austausches und der Vereinbarung von gemeinsamen Positionen und Arbeitsabsprachen wurde geschaffen und schnell verallgemeinert, es bildeten sich neue globale Arbeitszusammenhänge und Netzwerke heraus, thematische WSF fanden statt und haben einige wissenschaftliche Debatten beeinflusst, es gelangen globale Aktionen von teilweise enormer Dimension (z. B. die Demonstration gegen den Irak-Krieg). In den Regionen um den jeweiligen Veranstaltungsort wuchs die Zahl der Aktiven und Aktivitäten. Aber: in Brasilien und Lateinamerika schlugen Hoffnungen und Aufbruch in Enttäuschung und Niederlagen um. Trotz punktueller Erfolge ist weltweit die politische Defensive der Linken gewachsen. Fragmentierungsprozesse schritten kraftvoll voran.

Der wechselseitige Zusammenhang zwischen der Verfasstheit der Linken und der Produktivität der Sozialforen ist praktisch nachgewiesen. Sozialforumsprozesse und die Organisation der Foren sind mühselig, zeitintensiv und machen es oft jenen schwer, die ihrer Organisation gegenüber rechenschaftspflichtig sind. Schließlich haben diese Organisationen ihre eigenen Erfolgskriterien. Sozialforen hingegen bewegen sich in den Gegensätzen zwischen Tendenzen zur Präsentation von Vielfalt bzw. zu Beliebigkeit einerseits, und andererseits zu einem zusätzlichen Raum, in dem traditionelle Akteure anderen kundtun und praktizieren wollen, was sie sowieso seit langem sagen und tun. In Europa ging dies soweit, dass Sozialforumsprozesse für Wahlkämpfe und politische Taktiken in EU-Mitgliedstaaten instrumentalisiert wurden. Ferner muss klar sein, dass es ohne ökonomische Solidarität der Stärkeren keine Sozialforen geben kann und dass die Sozialforen keine hauptamtlichen oder es-sich-finanziell-leisten-könnenden Funktionäre mit einem Überschuss an Selbstbewusstsein vertragen. Und so sehr die Beteiligten aus Erfahrungen lernen sollen, so wenig helfen manche seit 20 Jahren im Internationalen WSF-Rat präsente VIPs. Weil man zu wenig gelernt hat, gemeinsam Widersprüche und politische Handlungsbedingungen zu analysieren und auszunutzen, solidarisch und selbstkritisch zu handeln, sind die Attraktivität und Innovationskraft des WSF und vieler Sozialforen als Räume für den themen- und spektrenübergreifenden Austausch auf der Strecke geblieben und umgekehrt. Aktive, Arbeitszusammenhänge und Netzwerke haben sich aus den Sozialforumsprozessen herausgelöst und Eigenes geschaffen bzw. Neues ist ohne jeden Bezug zu Sozialforen und daran Beteiligten gewachsen. Will man nun neu oder erstmalig die Gemeinsamkeiten von emanzipativ-solidarischen Bewegungen erfahrbar und politikwirksam machen, könnten neue Sozialforumsprozesse sinnvoll sein – auch und insbesondere auf der globalen Ebene, weil von dieser besondere Impulse ausgehen und hier die Herrschenden am sichtbarsten herausgefordert werden können.
 
Derartige Erwägungen motivierten die Verabredung von Salvador, ein reflektierendes WSF so vorzubereiten, dass auf möglichst wenige thematische Achsen (1) gestützt eine neue handlungsorientierte Konvergenz herausgearbeitet werden kann. Die Voraussetzung für das Gelingen des Vorhabens war, intensiv zu recherchieren, wer zum Austausch eingeladen kann und sollte, und dann auch offensiv einzuladen. Das Kollektiv intercoll hat hier sehr Wichtiges geleistet. Außerdem galt es, Vieles kritisch zu studieren, denn zu globalisierungskritischen Bewegungen und Sozialforumsprozessen wurde sehr Lesenswertes verfasst: In Lateinamerika und Nordamerika hat der Globale Dialog für systemische Alternativen das Amazonas Forum unterstützt und den Austausch mit Linken in (West)Europa intensiviert. LeftEast hat sich da eingemischt. WSM Discuss in Kanada und Democracy Now in den USA haben intensiv zum Green New Deal debattiert und Diskutierende vernetzt. In Indien haben mehrere Netzwerke für reale gesellschaftliche Bewegung gesorgt. Die in Hongkong ansässige Global University for Sustainability hat den Austausch mit chinesischen Wissenschaftler*innen ausgebaut und viel zum South-South-Dialog beigetragen. Das Institut versucht, zu helfen, die mit dem Tod von Samir Amin entstandene Lücke zu schließen. Das Maghreb- Sozialforum setzt seine Arbeit zielstrebig fort, trotz der großen politischen Probleme. In Dakar und anderen Städten Afrikas startete die Kampagne zur Streichung von Schulden afrikanischer Staaten.

Karawanen für Land und Wasser und für die Rechte von Geflüchteten und Migrant*innen durchziehen das südliche Afrika, Länder Lateinamerikas und Asiens. Das Transnationale Institut TNI arbeitet weiter zum Permanent People's Tribunal (PPT) und half, die Solidaritätsplattform für den Kampf gegen Covid 19, seine Ursachen und für allen zugänglichen Impfstoff aufzubauen. Europe Solidaires Sans Frontières) wurde zu einem Anker für die Solidarität mit Black Live Matter. Überall gingen und gehen mutige Frauen voran. Viele Foren wurden veranstaltet: das Palästina-Forum, das Afrikanische Sozialforum, das Irakische Sozialforum, die skandinavischen Sozialforen, die thematischen Weltsozialforen zu Transformativen Solidarischen Ökonomien, zu Wissenschaft und Bildung, zu Migration, Gesundheit und soziale Sicherheit, zu Atomarer Unsicherheit und erzwungenen infrastrukturellen Megaprojekten, zu Patriarchat und Kolonialismus. Die Medienplattform des WSF blieb aktiv und konnte unentwegt berichten von Kampagnen und Aktionen gegen die globale Erwärmung, gegen die Zerstörung von Biodiversität, gegen Krieg und Militarisierung. Nicht zuletzt Gustave Massiah hat zu alledem publiziert und die hier gegebene Auflistung stützt sich auf seine Arbeit. Massiah erklärt auch, wie die Vorbereitung des WSF vom Januar erfolgte. Sein Bericht offenbart, dass sich der Internationale Rat des WSF endlich selbst infrage gestellt und beschlossen hat, thematische Foren sowie nationale und regionale Foren zu integrieren, sich für trans- und internationale wie globale Netzwerke zu öffnen.

WSF digital auf dem Weg zum nächsten realen WSF

Die Veränderung im Internationalen WSF-Rat fand schon einen Ausdruck in seinem Aufruf zum Event vom Januar, der nicht „nur“ wegen Corona und der erzwungenen Digitalform besonders war, sondern wegen der Einladung zu einem „Arbeits-WSF“ und der Partizipation an einem spezifischen
„Mobilisierungsprogramm“. Ein Höhepunkt wird im Mai sein, wenn in Davos das WEF tagt. Aus diesem Anlass soll es eine große WSF-Veranstaltung mit Massendemonstration gegen die Herrschenden und ihre Politik geben, insofern Corona das hoffentlich zulässt. Das „Mobilisierungsprogramm“ insgesamt wurde bzw. wird auf der Basis von Veranstaltungen der thematischen, regionalen und nationalen Sozialforen erstellt und fortgeschrieben. Es nimmt globalisierungskritische Initiativen und Treffen auf, so die Sommeruniversität 2021 in Nantes (Frankreich), die CRID und ATTAC initiiert haben und federführend vorbereiten. Das „Mobilisierungsprogramm“ soll in ein Weltsozialforum münden, das Ende 2021 oder Anfang 2022 in Mexiko stattfinden soll. Hier tagte bereits das thematische WSF zu Flucht und Migration. Mexiko ist ein globaler sozialer Brennpunkt mit den immer wieder bedrohten Zapatista und hochaktiven sozialen Bewegungen, nicht zuletzt gegen die Kriminalisierung von Geflüchteten und Migrant*innen, gegen Korruption und die Mafia.

Das WSF in Mexiko wird zeigen, inwieweit die verabredete ehrliche Selbstkritik, die Fähigkeit zum Lernen und zur Selbstveränderung, auch und insbesondere in den Sozialforumsprozessen, gewachsen sind. Zu diesen Debatten „verrät“ die Website for a new wsf recht viel. Dass „wir“ aber noch immer erst am Anfang stehen, zeigten Ende Januar die Webinare mit den relativ viel zu vielen sehr gealterten „alten Bekannten“, die sich eben nur äußerlich verändert haben. Aber da sind andererseits auch die sympathischen Technik-Freaks, die sich nicht in die Lage von jenen sozial Ausgegrenzten versetzen können, die sich über jeden Empfang über ihr Gerät freuen. O-Ton: „Die Veranstaltung (zum Kampf um Wohnungen -J.D.) hat mich beeindruckt, weil Menschen aus aller Welt … auf einem Bildschirm zusammenkamen (nämlich meinem Bildschirm) … Mit der Vielfalt der Sprachen ergaben sich für mich aber auch Probleme: Weil ich nur Englisch spreche und aufgrund meines Laptops keine Übersetzungen hören konnte, habe ich viele Beiträge … nicht verstanden … Mike Davies, der in Harare in Zimbabwe wohnt, … hat auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die Menschen aus Afrika haben, wenn sie an solchen Online- Konferenzen teilnehmen wollen. Die Megabyte, die für eine solche Online- Konferenz notwendig sind, sind in Afrika für die Menschen so teuer, dass sie sich die Beteiligung in den allermeisten Fällen nicht leisten können.“ Der Artikel von Markus aus der Selbstvertretung Wohnungsloser Menschen ist all jenen zu empfehlen, die außerhalb von Corona Polittourismus betreiben. Wie viele andere konnte er nur ausnahmsweise und sehr (eingeschränkt) am WSF partizipieren. Er beschreibt sehr Elitäres, das auch mir nicht (mehr?) aufgefallen war. Das digitale WSF zu Transformativen Solidarischen Ökonomien (FSMET) war für die „Markusse“ nicht zugänglich und hat selbst technisch und zeitlich Privilegierte wie digital Geübte enorm gefordert. Wer die Hürden nahm, konnte allerdings sehr viel lernen und war gut in die kollektiven Prozesse einbezogen. Bleibt zu hoffen, dass jene, die dank Homeoffice zum FSMET und WSF gelangten, die neuen Kontakte in neue politische Aktivität umsetzen … Die virtuelle Eröffnungsdemonstration vom 23. Januar und die Kulturbeiträge, die eindrucksvoll WSF-Stimmung versprühten, haben das vielleicht befördert. Und die Vielfalt von zentral organisierten Thementagen und -konferenzen, von selbstorganisierten Workshops und gemeinsamen Agoras haben vielleicht „Lust auf mehr“ gemacht.

Ende Januar waren besonders jene WSF-Veranstaltungen produktiv, in denen wirklich kritisch linke Politik in unseren Gesellschaften analysiert und reflektiert wurde und wo die Intellektuellen den an der sozial prekären Basis Aktiven begierig zuhörten. Dazu findet sich Vieles auf youtube, aber noch nicht auf den offiziellen WSF-Websites. Die Webinare machten insgesamt erneut deutlich, dass nach wie vor viel zu häufig sehr abstrakt diskutiert wird: Wenn man von den „Feinden Neoliberalismus und Klimawandel“ redet, kann man die Verursacher der Probleme nicht gezielt angreifen. Wenn man auf eine Regierungsbeteiligung, ein Gesetz, eine Verfassung, eine Aktion so fokussiert, dass man sich bereits fixiert, ist man strategieunfähig. Dann kann man erforderliche Solidarität, die jene in jetzt besonders dramatischer Lage oder in entscheidenden Kämpfen brauchen, nicht erweisen. Wenn man in der Pandemie Chancen für die Linken sieht, muss man sich fragen, warum die Linken die „Chance globale Finanzkrise 2008ff“ nicht nutzen konnten und wie sie denn die „Chance Corona“ gegenwärtig nutzen. Wenn man in der wachsenden gesellschaftlichen Komplexität und der zunehmenden Geschwindigkeit von Entwicklungen in der Gesellschaft die Ursache der eigenen Schwäche sieht, muss man sich vielleicht einmal den eigenen Umgang mit zunehmender Komplexität und Geschwindigkeit von gesellschaftlichen Prozessen genau vergegenwärtigen und erörtern. Wenn man die Vorzüge des Digitalen preist, sollte man bedenken, wer die Infrastruktur zur Verfügung stellt und daher mit „uns“ was macht bzw. machen kann …

Insbesondere die kritischen und vielfach sehr (selbst)ironischen Diskussionsbeiträge von Boaventura de Sousa Santos haben immer wieder auf Fragen der Analyse- und Strategiefähigkeit fokussiert und auf ein Lernen von Akteuren und Ereignissen im globalen Süden gedrängt, weil „wir“ theoretisch ausgelaugt und schwach seien und solidarisch-sein (neu) erlernen müssten. Auch müssten “wir“ Selbstkritik lernen, ohne uns selbst und vor allem die „Newcomer“, die Jungen und Jüngeren in ihrem Elan zu bremsen bzw. zu entmutigen.

Sollen Sozialforen helfen, die Ursachen der eigenen politischen Schwäche zu bekämpfen, sollten „wir“ sie ernst nehmen und kollektiv diskutieren, ob und wie „wir uns“ an dem „Mobilisierungsprogramm“ und insbesondere am Projekt „WSF in Mexiko“ beteiligen wollen.

(1) Im Januar waren das der Klimawandel / Ökologie, Frieden und Krieg, Demokratie, Soziale Gerechtigkeit, - Wirtschaftliche Gerechtigkeit, Gesellschaft und Vielfalt, Kommunikation, Bildung und Kultur. Hinzu kamen die Querschnittsthemen: Zukunft des WSF und Feminismus

 

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