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Berichte

Vom täglichen Klein-klein zum größeren Kontext

R.V. Jayapadma aus Indien, Mitarbeiterin der Organisation Gram Vikas für Dorfentwicklung, erkennt im Weltsozialforum, dass auch in der restlichen Welt die Globalisierung ihre Spuren hinterlassen hat

(von Toralf  Staud, Die Zeit)

Porto Alegre, 4. Februar 2002, 21:30 Uhr

Es kostete R.V. Jayapadma 24 Stunden Flug, um zum Weltsozialforum zu kommen. Inklusive Umsteigen und Zeitverschiebung war sie länger als zwei Tage unterwegs von ihrer Heimatstadt Berhampur im Osten Indiens über Dehli, London und Sao Paulo nach Porto Alegre. Warum sie den weiten Weg gemacht hat? "Um eine Vorstellung vom größeren Kontext des täglichen Klein-klein zu bekommen."

R.V. Jayapadma, 29, arbeitet für Gram Vikas ("Dorfentwicklung"). Die 22 Jahre alte Organisation unterstützt Ureinwohner in der indischen Provinz Orissa, Menschen, die im tropischen Regenwald leben und als Wanderbauern Jahr für Jahr ein anderes Stück Land beackern. "Ursprünglich war das eine naturverträgliche Sache", sagt V. Jayapandma. "Die Felder hatten jeweils 15 Jahre Zeit, sich zu regenerieren." Die Probleme begannen, als die indische Regierung nach der Unabhängigkeit große Teile der Wälder für die Nutzung sperrte. Die Äcker wurden zu häufig genutzt. Außerdem kamen Geldverleiher und Schnapshändler zum Geschäftemachen, erzählt V. Jayapandma, und machten die ungebildeten Ureinwohner von sich abhängig.

Zu den ersten Aufgaben von Gram Vikas gehörte deshalb die Einrichtung von Schulen, in den Zahlen gelehrt wurden und Maßeinheiten und grundlegende ökonomische Regeln. Es folgten der Bau von Häusern und Wiederaufforstungsprojekte. In hundert Dörfern hat Gram Vikas heute Büros und betreut 15.000 bis 20.000 Familien. Finanziert wird die Arbeit durch Zuschüsse der indischen Regierung und Geld von Entwicklungshilfeorganisationen aus Europa, unter anderen vom Evangelischen Entwicklungsdienst EED in Bonn. Dann kam die Globalisierung. Indien trat der Welthandelsorganisation WTO bei und öffnete im vergangenen Jahr seine Märkte für Importe. Von den Vorteilen spürten die Ureinwohner in Orissa wenig, stattdessen sanken ihre Einkommen rapide. Senf und Speiseöl aus dem Ausland sind billiger als die Produkte der Wanderbauern. Ein Kilo Tamarinden (Sauerdatteln, die im Regenwald gepflückt werden und ein beliebtes Gewürz sind) können sie plötzlich nur noch für sechs Rupien verkaufen, früher war es 25 Rupien wert. In einer Nachbarprovinz, berichtet V. Jayapandma, häufen sich mittlerweile Selbstmorde von Bauern, die unter gesunkenen Baumwollpreisen leiden. Zudem drängen jetzt kanadische und norwegische Konzerne nach Indien, die - mit Unterstützung der Regierung - im Regenwald Bauxit fördern und Aluminium herstellen wollen. Bei Protesten dagegen wurden mehrere Menschen von der Polizei erschossen.

Warum das alles ist, wie es ist, wie man darauf reagieren kann und was andere Menschen in ähnlichen Situationen machen - das wollte R.V. Jayapadma in Porto Alegre erfahren. Für ihren Geschmack gab es auf dem Weltsozialforum "zu viel Theoretisieren und zu viele Slogans". Sie war verblüfft, als ihr Gewerkschafter aus den USA erzählten, im Zuge der Globalisierung seien auch dort in einigen Branchen die Löhne gesunken. Bisher hatte sie gedacht, im Norden seien alle Gewinner des freien Welthandels. Am meisten aber hat sie überrascht, dass Porto Alegre eine "sehr gut entwickelte Stadt" ist mit Hochhäusern und guten Straßen und funktionierendem Bussystem.

 

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