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Berichte

Für EINE Welt in Vielfalt lohnt sich die Mühe !

Eindrücke vom 2. Weltsozialforum in Porto Alegre, Brasilien, der 2. Parallel-Veranstaltung zum World Economic Forum, Davos (bzw. 2002 in New York)

(von P. Hesse)

Vom 31. Januar bis 6. Februar 2002 war ich als Delegierter der Peter-Hesse-Stiftung "SOLIDARITäT IN PARTNERSCHAFT für EINE Welt in Vielfalt" Teilnehmer des 2. World Social Forum in Porto Alegre, Brasilien. Als Unternehmer (Gesellschafter der Künstlerfarbenfabrik H. Schmincke & Co), Vorsitzender der "Unternehmerschaft Düsseldorf und Umgebung e.V.", und langjähriges Mitglied im "Bundesfachausschuß Entwicklungspolitik der CDU" war ich in Porto Alegre politisch sicher nicht ein Teil der Mehrheit. Auch nicht in dem kleinen Kontingent von ca. 150 Deutschen, die sich 2x abends im dortigen Goethe-Institut trafen. In meiner Grundhaltung für konstruktives MITEINANDERs aller gesellschaftlichen Gruppen, die sich konzeptionell um eine WERT(e)volle "EINE Welt in Vielfalt" bemühen, fand ich aber gute Mitdenker. - Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Gründer des anspruchsvollen US-amerikanischen STATE OF THE WORLD FORUM der Gorbachev-Stiftung in Kalifornien und Begründer der "Commission on Globalisation", Jim Garrison, war mit einem hochqualifiziert besetzten Workshop vertreten, in dem es um neue Formen und Allianzen globalen Miteinanders ging. Dies sind ganz sicher keine "Spinner", wie manche Beobachter es darzustellen versuchen. Hier wird sehr ernsthaft - wenn auch vielfach unkonventionell - an Zukunftskonzeptionen gearbeitet.

Es begann zwar in Seattle als Protestaktion gegen die WTO und globales Establishment (bzw. wurde dort weltweit sichtbar), entwickelt sich aber derzeit zu einer bunten Bewegung mit vorwiegend konstruktivem globalen sozialen Engagement. Noch dominieren auf der Straße die Varianten roter Flaggen; deren laute Begleittöne überdecken noch die ruhigeren - aber nicht weniger engagierten - Töne und Gedanken. Medien berichteten vielfach über die schrillsten Untertöne. Diese lassen sich leicht finden, wenn man sie sucht. Sie vermitteln jedoch ein völlig falsches Bild der inhaltlich dominanten Aspekte des dortigen Engagements. Das ist sehr viel profunder als es äußerlich erscheint. Neben weiterhin radikal-ideologisch argumentierenden Aktivisten haben sich inzwischen mehr nach- und vor-denkende Menschen aus aller Welt gefunden, die kritisch, aber konstruktiv, an einer Zukunftskonzeption arbeiten - für eine gerechte, demokratische, WERT(e)volle, friedliche Welt in kultureller Vielfalt. Gemeinsam haben die vielfältigsten ernsthaft engagierten Menschen unter dem Leitspruch "Eine andere Welt ist möglich" um Problemlösungswege gerungen. 51000 Teilnehmer, davon 22000 Frauen und 11000 Jugendliche aus 132 Ländern bevölkerten nicht nur das Universitätsgelände, sondern auch über 1500 klar strukturierte Veranstaltungen: Vormittags waren es insgesamt 27 "Conferences"; mehrsprachige Großveranstaltungen an 4 Arbeitstagen zu Themen wie Welthandel, Staatsverschuldung, Internationale Organisationen, Multinationale Unternehmen, Kontrolle der Geldflüsse, Migration, Copyrights, Umwelt, Wasserprobleme, Gesundheit, Bildung und Zivilgesellschaft. Dabei konnten den Fachpodien zumeist nur schriftlich Fragen gestellt werden - ein etwas antiquiertes Verfahren für das ansonsten betont offene Forum. (Gruppendiskussionen wären durchaus möglich gewesen.) Die Nachmittage vom 1. bis 4. Februar dienten jeweils einer Auswahl von täglich rund 350 Seminaren oder Workshops - vorwiegend in Portugiesisch. Nur ein in knappes Drittel der von Teilnehmern offen angebotenen partizipativen zwei- bis vierstündigen Themenrunden nutzte Englisch zumindest in der übersetzung. Deutsch und Französisch waren Ausnahme-Sprachen.

15200 Delegierte (davon 170 Delegationen indigener Gruppen) aus 4909 Organisationen waren angereist. Ferner rund 2500 Journalisten aus 48 Ländern. Einige hundert Parlamentarier bekamen ein eigenes Parlamentarier-Forum, wurden ansonsten aber nicht besonders hofiert. 2500 Kinder im Alter bis zu 14 Jahren wurden mit einem eigenen kindgerechten Programm betreut. Jugendliche konnten in einem großen Zeltlager leben. Viele Tausend Freiwillige (vorwiegend junge Brasilianer und Brasilianerinnen) sorgten dafür, daß sich die TeilnehmerInnen des Forums immer sicher, gut und freundlich betreut fühlen konnten.

Friedlich und ausgelassen war auch das nur scheinbar chaotische, karnevalistisch anmutende Eröffnungstreffen auf einem großen Wiesengelände am Vorabend, dem 31. Januar 2002. Euphorisch - aber "gesittet" - die Abschluß-Bilanz am 5. Februar in einer riesigen Halle in der Universität. Der Versuch einer Abschluß-Dokumentation wurde sinnvollerweise bewußt vermieden. Zu vielfältig war das Engagement für "eine andere Welt". Einigkeit bestand weitgehend in der Ablehnung der Verfahrensweise von Weltbank und ILO sowie der US-foreign policy und vor allem einer rein neoliberalen Globalisierung. Nur in diesem Sinne kann man von einer "Anti-Globalisierungs-Kampagne" reden. Die meisten der konstruktiv kritischen TeilnehmerInnen sprachen sich für eine ganzheitlichere, ethische und soziale Werte achtende Globalisierung aus. über die "richtige" Benennung wird noch lebhaft verhandelt. Verhandelt - auch kontrovers - wird um einheitliche Gesamt-Visionen und -Ziele nicht nur von den Initiatoren des Forums von Porto Alegre. Auch einzelne international aktive Gruppen mit klarer Ausgangs-Zielsetzung - wie ATTAC - ringen noch um eine globale Gesamtlinie. Bis zum nächsten Weltsozialforum in Porto Alegre in 2003 will ATTAC einen derartigen internationalen Ziel-Katalog (Manifest?) erarbeiten. Auch ein Deutscher soll beteiligt sein. Mit meinem eigenen Versuch eines Visions-Vorschlags für ATTAC war ich wohl vorschnell. Mein erster Vorschlag (separat auf Wunsch erhältlich) wurde zwar von ATTAC-Gründern aus Frankreich freundlich in Empfang genommen, aber bisher in keiner Weise kommentiert. Meine eigene Vision - nun neutral als "A VISION FOR A BETTER WORLD" (s. Anlage) - hat jedenfalls durch zahlreiche vertiefende und anregende Diskussionen in Porto Alegre inhaltlich gewonnen. Ich habe - lernend - einige Details neu formuliert.

Zusammenfassend meine Meinung: Die ursprüngliche Protestbewegung ist dabei, sich zu einer ernst zu nehmenden sozialen Kraft zu entwickeln. Sie wandelt sich von einer CONTRA-Bewegung zu einer PRO-Bewegung. Noch spielt linke Ideologie und Wirtschaftsfeindlichkeit bei vielen eine große Rolle. Aber ethische Werte, Demokratie, "good governance" - unter Beteiligung der Zivilgesellschaft im weitesten Sinne - sind ebenso feste gedankliche Säulen. Noch dominieren - wohl einfach aus Reisekosten-Gründen - neben den regionalen Gruppen aus Lateinamerika die mehr oder weniger radikalen Kritiker aus den "entwickelten" Ländern. Asien und Afrika sind noch relativ schwach vertreten. Darum soll das Forum im Jahr 2004 in Indien stattfinden. Später wohl auch in Afrika. Es löst sich immer mehr von "Davos". In dem relativ kleinen deutschen Kontingent kam ich mir als bekennender CDU-Mensch aus der Wirtschaft (trotz entwicklungspolitischer Orientierung) noch ein wenig exotisch vor. Ich empfehle aber dringend, die im Forum glaubwürdig gewünschte Pluralität fachlich fortschrittlich und wertkonservativ zu ergänzen. Wer nicht mitarbeitet, darf sich später nicht wundern, wenn seine Werte und Problemlösungs-Vorschläge unter den Tisch fallen. Die Welt kann sich nur friedlich und SINNvoll weiter entwickeln, wenn wir uns alle MITEINANDER engagieren.

 

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