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Berichte

Renate Bridenthal aus New York

Renate Bridenthal, 66, war Professorin für deutsche Geschichte am Brooklyn College von New York. Jetzt ist sie im "Un-Ruhestand", wie sie es nennt

(von Toralf Staud, Die Zeit)

"Es ist so deprimierend!", sagt Renate Bridenthal. "Die Probleme sind überall dieselben, Stellenstreichungen, Teilzeitdozenten, weniger Geld für die Betreuung der Studenten. Überall auf der Welt wird an der Bildung gespart!"

Renate Bridenthal, 66, war Professorin für deutsche Geschichte am Brooklyn College von New York. Jetzt ist sie im "Un-Ruhestand", wie sie es nennt. Zum Weltsozialforum - genauer zur Teil-Konferenz "Eine andere Bildung ist möglich und nötig" - kam sie als Delegierte ihrer Gewerkschaft, der Professional Staff Congress der City University. Sie knüpft neue Kontakte zu Kollegen aus aller Welt. Pflichtbewusst arbeitet sie das Programm des Fachkongresses ab und lauscht Vorträgen, mit denen allzu oft Überzeugte andere Überzeugte wortreich zu überzeugen versuchen. Lieber ginge Bridenthal zu den Seminaren und Workshops, in denen allgemein über Strategien im Kampf gegen die Globalisierung geredet wird.

Geboren wurde Renate Bridenthal in Leipzig. Ihr Vater, ein jüdischer Pelzhändler, floh 1938 mit der Familie vor den Nazis. Über die Tschechoslowakei, Frankreich und Panama erreichten sie 1940 schließlich New York. Ihr Vater nahm sich dort das Leben. Die Mutter arbeitete hart, um die Kinder zu ernähren. 1951 versuchten sie, nach Leipzig zurückzukehren. Und gingen doch nach einigen Jahren in Frankfurt/Main wieder zurück nach Amerika. Bridenthal studierte, wurde Historikerin, schrieb Bücher über die Geschichte Deutschlands, über die Geschichte der Frauen. Nun ist sie eine von Zehntausenden in Porto Alegre und sagt, sie sei eine Radikale. "So wie ich meine Mutter habe arbeiten sehen, musste ich radikal werden."

Schon lange kämpft Bridenthal für ein sozial gerechtes Bildungssystem. Vor vier Jahren wurde sie von der Polizei in Handschellen aus einer Versammlung des Board of Trustees der City University abgeführt, wo sie gegen Immatrikulationsbeschränkungen demonstriert hatte. Sie ärgert sich, dass Bildung immer mehr "auf Profit orientiert" sei und will "etwas tun, den Trend" umzukehren. An allen Ecken fehle das Geld. Als sie an ihr Institut kam, rechnet sie vor, arbeiteten dort doppelt so viele Menschen wie heute - 35 statt 17. "Mein Universitätspräsident rennt herum und geht betteln. Er sollte darüber nachdenken, was gelehrt wird."

In Porto Alegre hat Renate Bridenthal gelernt, dass es anderswo kaum anders ist.

 

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Aus www.weltsozialforum.org, gedruckt am: Sa, 28.05.2022 ©
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