Das deutschsprachige Informationsportal zur weltweiten Sozialforum-Bewegung  
Das deutschsprachige Informationsportal
zur weltweiten Sozialforum-Bewegung
www.weltsozialforum.org

 
 

Berichte

Utopie im Kleinformat

Als "Anti-Davos" 2001 in Porto Alegre gestartet, fand das Weltsozialforum dieses Jahr in Mexiko statt. Trotz schlechter Organisation und interner Streits bewies das Treffen die Notwendigkeit der eigenen Existenz. Der Krieg in Europa ist derweil auch in Mexiko angekommen – nicht nur mit Geflüchteten.

(von Moritz Osswald, KONTEXT)


Fünfzehntausend, eine beeindruckende Zahl – so viele Menschen wurden zur Mexiko-Ausgabe des Weltsozialforums (WSF) vom 1. bis 6. Mai erwartet. Die Zahl weckt Bilder im Kopf und verführt Reporter:innen zur Annahme: Hier wird sich vernetzt, sich engagiert, rebelliert, hier stellt sich eine laute Masse Andersdenker gegen das Diktat des endlosen Wachstums.

In der Realität stellt sich an einem Mittwochmorgen erstmal die Frage: Ist das hier die richtige Veranstaltung? Hausnummer auf dem Flyer falsch angegeben? Kann ja mal vorkommen. Etwa 60 Leute sind da, viele Ältere, ein paar Jüngere, und da, das dunkelrosa Banner des Sozialforums im Palacio de Minería. Wer über dessen steinernen Boden läuft, könnte schnell meinen, der Barista habe einem morgens heimlich zwei Mezcal in den Kaffee gekippt – Mexiko-Stadt sinkt ab, in manchen Ecken bis zu 40 Zentimeter pro Jahr, historische Gebäude sind besonders betroffen. Die torkelnd Suchenden navigiert ein selbstgebasteltes Schild mit selbstgemaltem Pfeil zum Saal C2. Dort finden sich dann auch Organisator:innen, mit der erfreulichen Nachricht, dass ihnen kurzerhand der Saal umdisponiert wurde – so knapp ein bis zwei Stunden vor ihrer Veranstaltung. Jetzt eben Aktivismus im Vorraum. Etwas Mitleid kommt auf, denn die spannenden Gäste, die von ihrer Menschenrechtsarbeit aus Kolumbien, Honduras und Mexiko berichten, werden nun von nur knapp 20 Zuschauer:innen belauscht. Im Facebook-Livestream oszilliert das Interesse zwischen vier und zehn Guckenden.

Aufzeigen, wie es anders geht

Zugegeben, jeder illegale Wald-Rave ist besser organisiert. Das scheint auf den ersten Blick auch zum Bedeutungsverlust der Veranstaltung zu passen, die 2001 im brasilianischen Porto Alegre ihre erste Auflage hatte, vor allem in den Anfangsjahren reges mediales Interesse auf sich gezogen und teils über 100.000 Besucher:innen angezogen hatte. Dennoch hat das Weltsozialforum seinen Markenkern nicht verloren: Ein Gegengewicht bilden. Zum Finanzkapitalismus und seinen Auswüchsen. Das "Anti-Davos" wartet mit Themen auf, die auf der Agenda der Superreichen und Wirtschaftslenker gerne mal vergessen werden. Landrechte, Schutz von indigenen Gemeinden, Klima, Feminismus, gegen ein starres Weiter-So.

Maria Gonzalez (weiße Bluse) von IMDEC berichtet vom gefährlichen Kampf gegen Mega-Staudämme, die Wasserknappheit verursachen.

Im Gastgeberland Mexiko gibt es in allen genannten Bereichen gravierende Defizite. Der nordamerikanische Staat habe in Sachen Menschenrechtsverletzungen "die ganze Bandbreite zu bieten", sagt Christoph Kuhlmann, Mexiko-Referent beim evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt. Es ist das erste Weltsozialforum, das Kuhlmann begleitet. Die kirchliche NGO unterstützt das WSF ideologisch und finanziell. Für Kuhlmann ist das Sozialforum "ein Ort des Zusammenkommens", bei dem aufgezeigt werde, "wie eine andere, gerechtere Wirtschaftsordnung aussehen könnte". Eine lokale Partnerorganisation in Mexiko ist IMDEC (Instituto Mexicano para el Desarrollo Comunitario – Mexikanisches Institut für kommunale Entwicklung). Sie setzt sich für Bildung, Verteidigung von Land und Menschenrechten ein.

Das drängendste Umweltproblem in Mexiko? "Definitiv Wasser", antwortet Maria González, geschäftsführende Direktorin bei IMDEC. Denn das sei "in den Händen weniger, großer Firmen". González spricht an diesem Mittwochmorgen vor Zuschauer:innen in Präsenz und Livestream von ihrer Arbeit in Nordmexiko, aber auch von der globalen Dimension des Problems. Mega-Infrastrukturprojekte wie Staudämme hätten zu einer Fragmentierung von mehr als der Hälfte der Flüsse weltweit geführt.

Seit 2013 bis heute seien alleine 14 Umweltaktivist:innen umgebracht worden, die sich für die Flüsse und gegen Megaprojekte in Mexiko einsetzen, erzählt González. Insgesamt seien vergangenes Jahr 25 Verteidiger:innen der Umwelt ermordet worden. "Wer sich in Mexiko für die Umwelt einsetzt, stört dort, wo große Interessen vorherrschen", erklärt die IMDEC-Direktorin gegenüber Kontext. Sie nennt es eine "Hochrisiko-Aktivität". Es ist der immer gleiche giftige Cocktail aus großen Unternehmen, dem Staat und der Organisierten Kriminalität.

Asyl für Ukrainer:innen nur mit Sponsor

Nach González gibt es noch Beiträge aus Kolumbien und Honduras. Die eingeladenen Gäste hatten keine Probleme mit dem Visum – was nicht selbstverständlich ist, denn die mexikanische Migrationsbehörde hat massenhaft Visa verweigert, etwa afrikanischen Aktivist:innen. Das bedauert auch Kuhlmann von Brot für die Welt, der dieses WSF "unter ziemlich schwierigen Bedingungen" sieht, was die Organisation betrifft. Dazu kommt die interne Spaltung – nichts Neues für linke Bewegungen. Die sogenannte Gruppe der "Erneuerer", die interessanterweise von ziemlich hochbetagten Menschen getragen wird, streitet sich mit denen, die das WSF in ihrer bisherigen Form weiterführen wollen.

Pflanzenmarkt beim Weltsozialforum: wichtig, aber wenig beachtet.

Szenenwechsel, weit weg vom Zentrum. In Mexikos Hauptstadt weisen Wohngegenden mit Namen wie "Fortschritt", "Entwicklung" oder "Utopie" oft auf das genaue Gegenteil hin. So auch in Utopía Olini im Stadtteil Iztapalapa. Dort wurde tatsächlich investiert, doch neue Bewohner:innen zeugen eher vom dystopischen Zustand der Welt: Der schöne Sportpark fungiert jetzt als Flüchtlingsunterkunft. Ein paar geometrisch verschnörkelte Bungalows, die AirBnBs sein könnten, beherbergen jetzt Familien – aus der Ukraine. Einige große Zelte bieten zusätzlich Platz. So richtig freiwillig sind die rund 600 Geflüchteten hier nicht. Viele wurden an der US-Grenze in Tijuana abgewiesen. Und das trotz der Ankündigung Joe Bidens, 100.000 Visa an Ukrainer:innen auszustellen. Das von der US-Regierung initiierte Programm "Uniting for Ukraine" soll es den Kriegsflüchtlingen einfach machen. Das scheint nicht geklappt zu haben, sonst wären sie jetzt nicht hier.

Erst kommt Camp-Koordinatorin Olga, um allgemeine Fragen zu beantworten, dann Vlad. Die Presse wird an die Leine genommen. Ins Camp reingehen ist nicht gestattet, die Zeit limitiert. Warum es genau dieser Stadtteil wurde, kann oder will der Mitarbeiter der Stadt nicht verraten. Die Geflüchtete Viktoria mit ihrer jungen Familie denkt wie die meisten hier: Bloß schnell weg aus Mexiko. Sie hat drei Kinder, in den USA warten Verwandte auf sie.

Ohne wird es schwierig, denn um im Rahmen des "Uniting for Ukraine"-Programms in die USA einzureisen, braucht man einen "Sponsor" beziehungsweise "Supporter", wie die Website des US-Ministeriums für Innere Sicherheit verrät, eine Art Bürgen, der versichert, die Geflüchteten während ihres Aufenthalts in den USA finanziell zu unterstützen. Asylrecht also im Stile einer Wohnungssuche in München.

Themengulasch zum 1. Mai

Im Zentrum der Hauptstadt reiht sich das WSF zu Beginn der Tagungswoche in die 1. Mai-Demo mit einer Auftaktveranstaltung ein. Lautstark wird für die Freiheit Palästinas skandiert, auf Bannern wird der "Apartheidstaat" Israel ins Visier genommen. Wenig später gesellen sich energische Wünsche für den Sieg der Polisario-Front in der Westsahara dazu. Themen, die die Durchschnittsmexikaner:innen in etwa so bewegen wie ein neuer Bildungsplan des Kultusministeriums in Baden-Württemberg. Beim ikonischen Monumento de la Revolución trifft sich die Masse und tapst erst mal ein paar Meter weiter. Frauen und jüngere Menschen sind Mangelware. Vorbei an weiteren wichtigen Monumenten des historischen Zentrums von Mexiko-Stadt kommt der Demo-Zug schließlich beim Zócalo, dem Platz der Verfassung an.

Ein politisch bunter Mix wird bei der 1. Mai-Demo in Mexiko präsentiert und da dürfen sie offenbar nicht fehlen: Marx, Engels, Lenin und Stalin.

Dort werden Theorien via Mikro serviert: Die Nato benutze die Ukraine für ihre Interessen gegen Russland! Russland habe auch Sicherheitsinteressen zu verteidigen! Aber Krieg ist schlecht, Brüder und Schwestern! Blechbläsernde Amateur-Gruppen untermalen dies mit ohrenbetäubend lauter mexikanischer Banda-Musik, als hätte der Ausschank schon begonnen. Wenig nach Gewerkschaft und Revolution aussehende Tourist:innen entern die Sixtinische Kapelle, besser gesagt, den "einzig vom Vatikan autorisierten Nachbau", wie der Schriftzug stolz verrät, der aber eher aussieht wie ein unfertiges, überdimensioniertes Boot. Das alles gleichzeitig, das alles an einem 1. Mai – das schafft vermutlich nur Mexiko.

Entmilitarisierung: von groß nach klein

Immer wieder sind auch Sowjet-Fahnen zu sehen. Dazu Straßenverkäufer:innen, die CCCP-Shirts veräußern, und ach, warum denn nicht, ist noch ein riesiges Banner mit Lenin, Stalin, Marx und Engels über den Platz der Verfassung gespannt. Nina Potarska bleibt dennoch gelassen. Das seien Dinge aus der Vergangenheit, doch sie verstehe den historischen Kontext, habe doch Lateinamerika traditionell enge Verbindungen zur Sowjetunion gehabt.

Lässt sich vom eher geringen Interesse nicht entmutigen: Die ukrainische Friedensaktivistin Nina Potarska beim online-Vortrag.

Die Ukrainerin Potarska ist zurzeit Friedensaktivistin, eigentlich aber Feministin und Koordinatorin der Womens International League for Peace and Freedom. "Es ist natürlich sehr schwierig, über Dialog zu sprechen, wenn man unter Beschuss steht", sagt sie und fordert für die Ukraine zuallererst einen Waffenstillstand und humanitäre Korridore für Zivilist:innen. Doch langfristig reiche das nicht aus. "Es geht nicht nur darum, für oder gegen eine Seite zu sein. Wir müssen erkennen, dass das ganze System falsch ist. Wir müssen mit der Entmilitarisierung bei den großen Ländern beginnen und kleine Staaten schützen", sagt die Aktivistin Potarska.

Auch jenseits der grundsätzlichen Systemfrage wird der Krieg in der Ukraine in Mexiko kontrovers diskutiert – wenn auch ganz anders als in Europa. Der chilenische Politikanalyst Guillermo Holzmann konstatiert in der mexikanischen Wochenzeitung "Proceso" das Fehlen einer einheitlichen Schlagrichtung Lateinamerikas, was den Konflikt betrifft. Holzmann kritisiert, dass die Länder der Region nur kurzfristig angelegte Ziele der einzelnen Regierungen hervorbringen und im Prozess der "Redistribution der Macht" auf globaler Ebene daher marginalisiert werden. Allerdings wird das von den Menschen hier in Mexiko nicht unbedingt als etwas Schlechtes gesehen: Viele begrüßen die neutrale Haltung Mexikos, Präsident Andrés Manuel López Obrador schließt sich internationalen Sanktionen und Waffenlieferungen nicht an. Die Krise kommt hier trotzdem an, nicht nur mit den Geflüchteten. Mexiko ist abhängig vom Export von Kunstdünger der Kriegsparteien. Mais als Futtermittel wird noch teurer werden, was wiederum die Lebensmittelpreise in die Höhe schießen lässt. Das alles in Zusammenhang mit einer ohnehin schon hohen Inflationsrate von aktuell knapp über sieben Prozent.

Das Pulverfass Mexiko, das schon seit 16 Jahren unter einem Krieg mit diffusen Fronten leidet, ist im Prinzip ein wunderbar geeignetes Gastgeberland. Es gibt so viel Bedarf an Wandel, an Aktivismus und Zivilgesellschaft, dass sich das Motto des Weltsozialforums transformieren müsste: Nicht "Eine andere Welt ist möglich", sondern: "Eine andere Welt ist nötig."

 

« zurück zur Übersicht

 

Aus www.weltsozialforum.org, gedruckt am: So, 02.10.2022 ©
weltsozialforum.org ist für den Inhalt externer Links nicht verantwortlich.
Besuchen Sie www.weitblick.net unter www.weitblick.net

 

drucken
schliessen
nach oben