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Berichte

ESF in Paris: Eindrücke vom Donnerstag

(von Sebastian, indymedia)

Hier nun einige Eindrücke vom ESF (dem gigantischen alternativen Think Tank) von heute.

Nachdem das Sozial Forum gestern abend mit Konzerten, Feiern in den Strassen und einer Demonstration begann, ging es heute morgen mit hunderten parallel stattfindenen Workshops, Seminaren und Aktionen richtig los.

Der Plan von Regierung und den reformistischen, hierarchischen französischen ESF-Vorbereitern scheint aufzugehen: Im Stadtzentrum von Paris ist nichts vom ESF zu spüren, die Medien berichten meist erst im Lokalteil - und das sehr selektiv. Einzig die Aktionen von den Ungehorsamen und den Basisgruppen werden in der Stadt für ein wenig Aufruhr sorgen. Die Basis scheint sich -im Gegensatz zur Mainstream-Presse- wenig um die ESF-Eliten zu kümmern und die verschiedenen Foren (ESF, libertäres Sozialforum, GLAD (Globalisation des luttes et des actions de désobéissance - das sind die Ungehorsamen), Metallo-Medialab) verschmilzen langsam miteinander. Heute Mittag waren zwischen 40.000 und 50.000 beim ESF oder den anderen Foren registriert. Es kommen immer noch Leute an. 

Der gestrige Tag für die Rechte der Frauen scheint ein Erfolg gewesen zu sein. An der Demonstration am Nachmittag nahmen 4500 Menschen teil.

Teilweise war es gar nicht so einfach, bestimmte Veranstaltungsorte zu erreichen. Die Banlieues liegen weit ausserhalb der Stadt, sie sind auf den wenigsten Stadtplänen verzeichnet und die ESF-Karten sind nicht wirklich brauchbar. Die Zertstreuung des ESF bringt aber auch Vorteile: Die Bewohner der suburbs werden in einer Weise erreicht wie sonst vielleicht nie und sämtliche ESF-Besucher lernen die faszinierende Stadt Paris kennen.

Den Vormittag verbrechte ich im Banlieue Bobigny. Dort waren auf einer Fläche von einigen Quadratkilometern knapp 30 paralle laufende Veranstaltungen. Ich habe mich schliesslich dazu entschlossen, bei "the role of art, cultural and artistic pactices in social transformation and emancipation" vorbeizuschauen. Diese Veranstaltung beschäftigte sich mit Experimenten in selbstverwalteten Kunstprojekten. Leider ging es weniger um subersive Kunsformen wie Streetart oder "electric disturbance", sondern mehr um etabliertere Kunstformen wie Musik, Theater, Happenings, Film etc., wobei auch hier viel Interessantes vermittelt wurde.
So zwischen 150 und 200 Menschen nahmen an dieser Veranstaltung teil, die in 4 Sprachen übersetzt wurde.Eine Sprecherin aus Frankreich sprach über die Rolle von Theater, Musik und Film beim Aufbrechen von Denkgewohnheiten, besonders was Geschlechterrollen betrifft. Sie sprach dabei über das Anliegen, von Passivität in Aktivität zu verwandeln, vom Konsumenten zum Aktivisten zu werden, als Frau sich vom geselschaftlich definierten Objekt zum Subjekt zu wandeln.. In den Beispielen ging sie besonders auf die Rolle des Clown-Charakters beim Aufzeigen bestimter Dinge ein. Desweiteren sprach sie von den Lehren und konkreten Umsetzungen für das eigene Leben. SylviaS Fessa (Initiative of Artists - Greece) sprach über Theater und Happenings, allgemein über Kunst und Gesellschaftstransformationen, sowie darüber, wie wir die Allgemeinheit mit progressiven Inhalten erreichen. Maurizio Biosa (Forum del Theatre - Italien) stellte eine Union aus Künstlern, Aktivisten und Intellektuellen vor, welche den Zweck verfolgt, Aufmerksamkekit für bestimmte Themen zu erreichen. Debei geht es ihnen nicht nur allein um Änderung der Gesellschaft, sondern auch von sich selbst. Weitere Projekte, Ansätze und Ideen wurden vorgestellt. Ich bin dann aber gegangen, da ich noch eine andere Veranstaltung mitbekommen wollte, die parallel etwa 500m entfernt lief: "the "have-nots" as social actors".

Bei "the "have-nots" as social actors waren vielleicht 50 bis 100 Menschen anwesend, als ich dort ankam. Die Sprecher aus Frankreicn, Portugal, Nahost, Brasilien, Dtl. und Frankreich sprachen besonders über die Notwendigkeit, die verschiedenen Kämpfe mehr zu verknüpfen, um eine Chance zu haben, die Ziele zu erreichen. Dem kapitalistischen System wurde jegliche Fähigkeit, bestehende Probleme zu lösen abgesprochen, da er als eigentliche Ursache von Armut, sozialer Ungerechtigkeit, Krieg, dem Fehlen/Abbau von Menschenrechten ausgemacht wird. Auf der Veranstaltung wurde auch Werbung für die Demonstration der Erwerbslosen gemacht, welche heute Nachmittag vom GLAD losgeht. 

Ein Bekannter von mir war im Seminar "For alternative economic policies in Europe", welches von Attac-Frankreich (dem konservativsten Ableger des Attac-Netzwerkes, welches auch für "Rechtsliberale" offen sein will) organisiert wurde. Als deutscher Vertreter saß J.Huffschmid auf dem Podium. Die Veranstalter dieses Seminars brachten nichts wirklich Neues und wagten keinerleit Kritik an der derzeitgen Wirtschaftsform. Als Ausweg aus der "Krise" wrde der Wachstum beschworen. Die Berücksichtigung ökologischer Aspekte oder ein Blick auf die Ursachen für soziale Ungerechtigkeit wurde genausowenig gewagt, wie die Fähigkeit zur Hinterfragung des Wachstumsfanatismus fehlte ("Club of Rome" schien denen völlig unbekannt zu sein). So wurde also die Frage untersucht, wie denn der Wachstum noch mehr gesteigert werden könne: mehr investieren? mehr Schulden? oder mehr Staat? Als Keynesianer entschieden sich die Herren natürlich für Letzteres. 

Ansonsten gibt es mittleweile 2 Indymedia-Anlaufpunkte, die aber sehr klein sind. Auch sonst gibt es sehr viele alternative Medien auf dem ESF, darunter einige TV-Stationen.Vom GLAD aus gab es heute mehrere Aktionen, von denen es vielleicht nachher noch einige Fotos geben wird.

 Eine von vielen Unterkünften in Paris


 

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