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Berichte

Das US-amerikanische und das Europäische Sozialforum: Strategische Herausforderungen für das WSF

von Francine Mestrum

Es gibt kein Weltsozialforum im Jahr 2010. Stattdessen finden rund 40 Veranstaltungen statt auf der ganzen Welt, um die globalisierungskritische Bewegung zu verbreitern, um über die Krise zu reflektieren - sei sie nun eine wirtschaftliche und soziale oder 'zivilisatorische' - und um das WSF im Februar 2011 in Dakar, Senegal, vorzubereiten.

Das Jahr begann mit einer sehr erfolgreichen Veranstaltung in Porto Alegre, dem Geburtsort des ersten Worldsozialforum. Das war zwischen dem UN-Umwelt-Gipfel in Kopenhagen und dem Menschen-Gipfel in Cochabamba im Mai 2010. Die ökologische Frage hat der Sozialforum-Veranstaltung einen echten Schub gegeben, mit vielen sehr motivierten jungen Menschen. Die anti-kapitalistischen und die Umwelt-Themen wurden erfolgreich gekoppelt und ein neuer Slogan entwickelt: "Kapitalismus ist unhaltbar".

Darüberhinaus war Porto Alegre ein Moment der Reflexion, 10 Jahre nach dem ersten Weltsozialforum. Es gestattete interessante Debatten über die "zivilisatorische" Krise, den Zustand des Neoliberalismus, die politischen Auswirkungen des WSF und so weiter.

Im Mai fand ein thematisches Sozialforum in Mexiko statt. Während die Teilnahme nicht überwältigend war, war es im Hinblick auf die Inhalte sehr interessant, mit Seminaren über die Landwirtschaft, ökologische Probleme, soziale Fragen, globale Steuern, Gender etc.. Für einige kann es etwas verwirrend erschienen sein, denn es fand auf dem "Zócalo"statt - dem großen zentralen Platz der Stadt - neben Hungerstreiks von Arbeitnehmern von Stromprozudenten und einem zapatistischen Lager, beide unabhängig vom Forum.

Ende Juni wurde ein zweites US-Sozialforum in Detroit organisiert. Für die Sozialforumsgewöhnten war dies ein "Zurück zu den alten Tagen": ein äußerst begeistertes Publikum von 15.000 Menschen, ein sehr motivierender Eröffnungsmarsch, ein zentraler Ort, wo (fast) alle Seminare stattfanden und Menschen sich treffen konnten, trinken und essen. Vielfalt wurde sehr gut respektiert, mit indigenen, weißen, schwarzen, südamerikanischen  Männern und Frauen, die überall vertreten waren. Alle Seminare und Versammlungen waren sehr lebhaft und partizipativ. Die Organisation war perfekt, sogar mit "sprachlicher Gerechtigkeit" in Form von Dolmetschern und Übersetzern wo immer nötig.

Eine Woche später kam das Europäische Sozialforum in Istanbul zusammen und wurde zu  einer Art Anti-Höhepunkt. Obwohl es eine gute Abschluss-Demonstartion gab, sehr gute Seminare und gute Kontakte, befindet sich das ESF eindeutig in der Rückwärtsbewegung. Nach Florenz, London, Paris, Athen und Malmö muss man feststellen, dass die europäischen Aktivisten offenbar dieses Format  nicht zu schätzen wissen. Es waren kaum mehr als 2500 Menschen in Istanbul anwesend, mit proportional sehr wenigen TürkInnen. Die Organisation war unter Null.

Ich möchte diese beiden letzten Beispiele, Detroit und Istanbul, benutzen, um zu vergleichen und zu sehen, welche Schlussfolgerungen für die künftige Strategie des WSF gezogen werden können.

Detroit war anders

Was machte das US-SF so besonders? Ich sehe vier Punkte, die es verdienen erwähnt zu werden:

Erstens war der gesamte Vorbereitungsprozess sehr aufwendig. Der Ausgangspunkt war offensichtlich die Charta der Prinzipien des Weltsozialforums und damit konsequenterweise der "Offene Raum". Da jedoch der "Offene Raum" keine gleichen Vorsetzungen für alle schafft, wurde ein langer Prozess der Suche nach den notwendigen Partnern gestartet. Umfangreiche Überlegungen wurden darüber angestellt, wer dabei sein musste und wer nicht dabei sein durfte. Die OrganisatorInnen wollten die am stärksten marginalisierten Personen und Gruppen in den Prozess einbezogen haben. Dann mussten sie einen weiteren langen Prozess der Kontakte und Gespräche starten, weil viele der Gruppen sich untereinander nicht kannten oder nie miteinander gesprochen hatten. Es ist dieser Prozess, den sie mit "Intentionalität" betiteln, der das US-SF zu einer echten integrativen Graswurzel-Veranstaltung machte, auf Vertrauen aufbauend.

Zweitens wurde die alte Kontroverse bezüglich 'Raum' versus 'Aktion' gelöst mit 'Volksbewegungen-Versammlungen'. Diese Versammlungen begannen ebenfalls zu arbeiten lange Arbeit vor der Veranstaltung (dem US-SF, Anm. d. Übers.) und etwa 50 fanden während des US-SF statt. Ihr Vorteil ist nicht nur die Zusammenführung mehrerer thematischen Gruppen, die am gleichen Thema arbeiten, und die Ermöglichung von Netzwerk-Bildungen, sondern auch die Erlaubnis der Beschlussfassung über Abschlusserklärungen und Aktionspläne. Am letzten Tag des Forums wurden alle Beschlüsse gesammelt und viele von ihnen wurden in einer Plenarsitzung vorgestellt. Diese Volksbewegung-Versammlungen fanden parallel zu den mehr als 1000 selbst organisierten Seminaren und Workshops statt. Während diese Seminare als Selbstzweck angesehen werden können, sind die Versammlungen nichts weiter als eine Veranstaltung in einer langen Vorbereitungsphase mit einer Kontinuität in einem Prozess der Umsetzung und Weiterentwicklung.

Drittens waren die Seminare und Workshops, die ich besuchte, sehr partizipativ und motivierend. Plenumsveranstaltungen waren fast nie physisch vom Publikum getrennt, die Menschen saßen im Kreis herum, niemand redete mehr als 5 oder 10 Minuten lang,  TeilnehmerInnen-Äußerungen wechselten sich ab mit der Darbringung von Musikstücken, eines Gedichts, von Tänzen. Die "Öffentlichkeit" war ständig aufgefordert, einzugreifen. Auf Vielfalt wurde immer streng geachtet.

Viertens bemerkte ich einen Unterschied in den persönlichen Einstellungen der Menschen. Ich will nicht naiv sein und denken, dass es keine Machtverhältnisse innerhalb und zwischen den Bewegungen und Menschen in den USA gibt, aber die Art, wie mit ihnen umgegangen wurde, war sehr attraktiv für einen europäischen Teilnehmer. Alle Ideen, woher sie auch kamen, wurden gemeinsam diskutiert und gegebenenfalls angenommen oder abgelehnt. Aber nie wurde irgendeine Anregung a priori ohne Aussprache zurückgewiesen. Jede/r hatte den Eindruck, dass er/sie ernst genommen wurde. Niemand wurde jemals verletzt oder gedemütigt. Es gab eine Offenheit und die Bereitschaft, anderen zuzuhören.

Die Krise auf dem Europäischen Sozialforum

Diese beiden letzten Punkte sind sicherlich sehr verschieden von dem, was auf der europäischen Ebene geschieht.

Seminare und Plenumsveranstaltungen wurden in einer "altmodischen" Weise organisiert, mit einer überwiegend männlichen Beteiligung und Referenten, die leicht 15 bis 20 Minuten brauchten, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen. Wenn Sie 6 Personen in einer Plenumsveranstaltung haben, bedeutet es, dass die Menschen eineinhalb bis zwei Stunden sitzen und zuzuhören müssen. Interventionen des Publikums sind somit stark eingeschränkt. Vielfalt war äußerst begrenzt oder nicht vorhanden, Übersetzung fehlte meistens oder war konsekutiv. Das Forumsgelände war zerteilt, wenn auch weniger als in Malmö vor zwei Jahren.

Der bedeutsamste Unterschied, den ich erlebte, war die Haltung der Menschen, von denen die meisten sich gegeneitig seit vielen Jahren kennen, und ihre gemeinsame Beteiligung an dem Vorbereitungsprozess. Die meisten von ihnen tragen, wissentlich oder unwissentlich, ein Etikett und man interessiert sich nicht für das, was sie sagen, sondern von welchem Standpunkt aus sie es sagen. Die Worte, die sie verwenden, dienen als Marker für den besetzen Ort. Dies behindert die Entstehung neuer Ideen und das Potential für Konvergenz gravierend.

Inhaltlich werden die Gruppen noch entlang der alten Linien von "Revolution" und "Reformismus" getrennt. Die Gewerkschaften sind willkommen, werden aber oft dafür getadelt, nicht radikal genug zu sein. Kritik an der Politik der Europäischen Union wird entweder im Zusammenhang mit einem Anti-Union-Ansatz oder einem Annahme- und Widerstand-Ansatz thematisiert. Post-oder Anti-Modernisten werden mit Modernisten konfrontiert, beide soziale und ökologische Gerechtigkeit verteitigend, jedoch aus völlig unterschiedlichen Richtungen. Wenn kein zielgerichteter Prozess der Klärung und Annäherung dieser verschiedenen Positionen gestartet wird, können die Unterschiede dauerhaft werden und unlösliche Bruchlinien darstellen. Mehr offene Gespräche sind dringend nötig.

Vor allem aber ist das Europäische Sozialforum im Vergleich zum US-SF ein Top-down-Prozess, organisiert von ein paar linken Gewerkschaften und eine kleiner Gruppe von sozialen Bewegungen; Menschen, die einander seit einigen Jahren kennen und die ihre eigenen Positionen verteidigen statt den Prozess und sein großes Potenzial für die Konvergenz. Ich vermute, dass dies bei weitem kein vorsätzlicher Prozess ist und die meisten Leute wohl ehrlich und ernsthaft sehr hart für das ESF arbeiten, obgleich das wichtigste Ziel verfehlend. Die Frage ist, ob ihnen die Herbeiführung einer neuen politischen Kultur und die Förderung der so dringend benötigten politischen Annäherung gelingen kann.

Diese verschiedenen Punkte mögen erklären, warum die Teilnahme in Istanbul so begrenzt war und warum so wenige Kontakte mit den türkischen Freunden gemacht wurden. Während die Motivation der Teilnehmer sehr hoch war ist die Mobilisierung in Europa deutlich rückläufig. Sehr wenige neue und gemeinsame Agenden wurden beschlossen. Die Erklärung der abschließenden Versammlung fordert eine Mobilisierung am 29. September 2010 überall in Europa, um gegen die Sparpolitik zu protestieren, aber es gab keine Vereinbarung für eine massive Beteiligung an der von der Gewerkschaft organisierten Demo in Brüssel am gleichen Tag. Das ist wirklich eine Schande, da gemeinsame Aktionen und folglich ein bescheidenes Maß an Kompromiss benötigt werden, wo die sozialen Rechte bedroht sind. Dieser Sachverhalt zeigt, das Rivalität wichtiger als kooperatives Handeln und Machtverhältnisse wichtiger als Inhalte betrachtet werden. Einige linke Radikale scheinen noch zu ignorieren, wie weit die Krise der Linken ihre Macht erodiert hat und wie dringend  kooperatives Handeln erforderlich ist, wenn sie überleben wollen.

Lektionen für das Weltsozialforum in Dakar

Es ist klar, dass die Afrikaner ihre eigene Dynamik haben und perfekt in der Lage sind, ihr eigenes Forum auf der Grundlage ihrer eigenen sozialen, kulturellen, politischen und organisatorischen Ressourcen zu organisieren. Aber da Dakar ein Weltsozialforum in 2011 ausrichten wird, wird es auch die Einflüsse aus einem alternden Europa, einer sehr dynamischen USA, den erfahrenen Latinos und der begrenzten Anzahl von Asiaten, die nun zum WSF kommen, zu bewältigen haben. Die Erwartungen und Ambitionen sind hoch, denn das erste WSF in Nairobi/Afrika im Jahr 2007 hinterließ nicht eine einhellig geteilte positive Erinnerung. Die Vorbereitungsarbeit ist jedoch in sehr guten Händen in Dakar, und ich vertraue darauf, dass das WSF2011 ein großer Erfolg werden kann. Viel wird von der Fähigkeit abhängigen zu sprechen und zuzuhören, zu kooperieren und zu teilen.

Während es jedoch einfach ist dies zu konstatieren, dürfe es nicht so leicht sein, dies zu erreichen. In diesem Moment gibt es eine Menge Frustration unter den "alten" Teilnehmern des WSF, denjenigen, die seit 2001, 2002 oder 2003 teilnehmen. Konkrete Ergebnisse in Form von Kämpfen oder in Form von echtem politischen Wandel fehlen noch, außer in Lateinamerika, wo einige linke Regierungen versuchen, neoliberaler Politik Einhalt zu gebieten. Die alte Kontroverse Raum versus Aktion ist nicht gelöst, viele Netzwerke wurden  aufgebaut und gefestigt und brauchen daher das WSF nicht mehr. Während die Konvergenz  leicht zu erreichen war im Widerstand gegen die neoliberale Politik ist sie schwieriger zu erreichen beim Vorschlag von Alternativen.

Die aktuelle Strategiediskussion im WSF spiegelt diese verschiedenen Gegensätze wider und muss mit den Zielen des WSF verknüpft werden. Laut Chico Whitacker, einer der Gründerväter des WSF, sind diese Ziele dreifach: die Schaffung einer neuen politischen Kultur, basierend auf Respekt und Vielfalt;  der Zivilgesellschaft politische Macht zu geben und politische Aktion und soziale Kämpfe zu organisieren, um Kapitalismus und Neoliberalismus zu überwinden. Da diese Ziele nicht in einer hierarchischen Weise formuliert sind, sollte klar sein, dass das erste den Erfolg des zweiten und dritten bestimmt. Die politische Relevanz des WSF, sein Potenzial neue politische Inhalte zu erzeugen, wichtige Intellektuelle aus der ganzen Welt anzuziehen, neue Alternativen den sozialen Bewegungen anzubieten und eine aufstrebende Opposition zur kapitalistischen und neoliberalen Weltordnung zu schaffen, hängt von seiner Möglichkeit ab, ständig sich neu zu erfinden und einen attraktiven intellektuellen Rahmen zu schaffen. Während es am wichtigsten und dringendsten erscheinen mag, mit dem politischen Handeln und den sozialen Kämpfen zu beginnen, besteht die Gefahr der Ignoranz gegenüber der reichen Vielfalt der WSF-TeilnehmerInnen und ihre unterschiedlichen Anforderungen sowie der Überschätzung der Stärke unserer Bewegungen. Die alte Linke hat bisher keine starke Tradition der Demokratie und riskiert einige der neuen Methoden und Denkweisen der neuen sozialen AkteurInnen zu übersehen, die weniger die Auseinandersetzung und mehr die Zusammenarbeit betonen.

Dieser Punkt hilft, den Unterschied zwischen dem ESF und dem US-SF zu klären. Das ESF ist stärker auf Inhalt und Aktion ausgerichtet, während das US-SF stärker ist bezüglich Methoden und der politischen Kultur.

Diese Unterschiede erklären auch die verschiedenen Vorschläge in den strategischen Ansätzen. Im Augenblick sind drei unterschiedliche strategische Wege erkennbar.

Der erste ist die Versammlung der sozialen Bewegungen. Er scheint einem dualen Pfad zu folgen, auf der einen Seite die Schaffung eines spezifischen Raumes innerhalb der WSF-Prozesses, auf der anderen Seite die selbständigen Schaffung einer parallelen Struktur zum IC (International Council = Internationalen Rat; Anm. d. Übers.) und zum WSF. Die Versammlung der sozialen Bewegungen hat eindeutig eine Koalition von einigen wichtigen globalen Bewegungen geschaffen, welche Schulden, Gender, Bauern etc. repräsentieren. Es scheint jedoch ihr Hauptziel zu sein, einen gemeinsamen Aktionsplan zu haben, unabhängig vom politischen Inhalt ihres Anti-Kapitalismus oder der stillschweigenden Annahme von gemeinsamen politischen Inhalten.

Der zweite ist die Organisation einer strategischen Debatte über die Website des WSF 2011, basierend auf den verschiedenen Veranstaltungen des Jahres 2010, auf Aktionen der verschiedenen sozialen Bewegungen oder auf den Beiträgen der weltweiten  Intellektuellen. Die Organisation der E-Debatten um einige wichtige Streitfragen unserer Zeit kann helfen, die Herausforderungen, mit denen das WSF konfrontiert ist, und hoffentlich auch die Ideen hinsichtlich Strategien zu klären. Verschiedene Beiträge werden dazu beitragen, die unterschiedlichen strategischen Elemente in sozialen Bewegungen und Ereignisse auf der ganzen Welt zu entdecken.

Die dritte Strategie könnte die Organisation von tatsächlichen realen Debatten während der WSF2011 in Dakar und danach sein, entlang einiger vom Organisationskomitee vorgeschlagenen wichtigen Fragen oder anhand von Fragen, die sich aus den Beiträgen auf der Website ableiten. Idealerweise wären diese "ko-organisierten Veranstaltungen" parallel zu den selbst organisierten Seminaren des WSF. Dies könnte helfen bei der Vorbereitung der erhofften Konvergenzen, nicht in der Form einer Richtlinie oder einer anderen bindenden Weise, aber hinweisend auf mögliche Zusammenhänge zwischen Themen, Themenverknüpfungen, Überblicke gestatten über die globale Debatte und orientierend auf die wichtigsten sich entwickelnden Themen. Dieses Format war sehr erfolgreich in Porto Alegre 2010; und in der gleichen Weise wurde in Detroit jeden Tag ein "Plenum" organisiert. Der große Vorteil dabei ist, den Debatten eine Kontinuität zu geben bezüglich einiger wichtigen Themen und implizit soziale Bewegungen zu inspirieren, da diese Konferenzen helfen, die verschiedenen Meinungen zu einem Thema zu verdeutlichen. In der Tat ermöglicht es die Kombination verschiedener Ziele, die Zusammenführung verschiedener Stränge von Ideen zu einem bestimmten Thema oder eine Kontroverse, zu diskutieren und zuzuhören; und es regt die selbstorganisierten Veranstaltungen an zu klären, was Sache ist, vorbereitend für zukünftiges Denken und Handeln.

Diese drei Strategien können sich ergänzen und dazu beitragen, politische Impulse zu schaffen und zu einer gemeinsamen Agenda zu führen auf der Grundlage einer gemeinsamen Sprache und eines gemeinsames Verständnis der heutigen politischen und sozialen Gegebenheiten.

Die Krise der Linken

Die Schwierigkeit für das Forum und für soziale Bewegungen im Allgemeinen, ihre Strategien neu zu definieren und politische Relevanz zu erreichen oder zu wiederzugewinnen, ist verknüpft mit der Krise, mit der die Linke in vielen Teilen der Welt konfrontiert ist, besonders in Europa. Diese Krise besteht nicht nur aufgrund der ideologischen Differenzen, sondern auch wegen der ökologischen Krise, die eine große Diskussion über die Moderne in den Vordergrund gerückt hat. Da die Linke ein Kind der Moderne ist, sind beide miteinander verknüpft und bedürfen dringend einer Klarstellung: Was genau verstehen wir unter "Modernität", was müssen/wollen wir verweigern, was müssen/wollen wir bewahren? Können die Probleme mit einer marxistische Analyse der ökologischen Krise gelöst werden? Es gibt jetzt viel Diskussion über eine "zivilisatorische" Krise und "Okzidentalisierung", Entwicklung, Wachstum, Menschenrechte, Staaten und so weiter.

Obwohl eine solche Debatte über die "Modernität" durchaus innerhalb des Forums organisiert werden kann, ist es klar, dass es Jahre brauchen wird, um einiges an gemeinsamen - oder divergierenden - Verständnis zu erreichen und neue Strategien auf dieser Grundlage zu entwickeln. Eine solche Debatte kann eingebettet werden in die Suche nach einer neuen emanzipatorischen Universalität, wie es von afrikanischen Freunden vorgeschlagen wurde, welche das WSF 2011 organisieren. Es wird zwangsläufig auf der Achtung der kulturellen und politischen Besonderheiten aller sozialen Bewegungen basieren und kann zur Definition von neuen Werten für das Verhältnis mit der Natur und von "alten" Werten in einer neuen Sprache führen.

Wenn die Linke überleben will, vor allem in Europa, braucht es einen innovativen Ansatz, der in der Lage ist, junge Leute anzuziehen, der sich auf Rechte und auf die Demokratie fokusiert, Solidarität in einer mehrdimensionalen Art neu begreift, Ziele der Wirtschaft neu definiert und sie direkt verbindet mit der sozialen und politischen Welt.

Fazit

Auf diese Weise kann das WSF der europäischen sozialen Bewegungen helfen, ihre Problematik neu zu sehen und die alten Gegensätze aufzugeben, die keine Lösungen für die aktuelle Welt liefern können. Dies bedeutet nicht, dass ideologische Perspektiven aufgegeben werden müssen, aber sie können möglicherweise in anderer Weise gestaltet werden. Das WSF kann sich auch am dynamischen US-SF orientieren, um Basisbewegungen besser anzusprechen und zu gewinnen.

Das WSF ist ein Spiegelbild der sozialen Bewegungen, die sich daran beteiligen. In Europa haben viele dieser Bewegungen ihre Wurzeln in dem auf den Staat bezogenen sozialistischen Gedankengebäude. Die Finanz-und Wirtschaftskrise hat einen Rückschlag für die verschiedenen Bewegungen erzeugt, die wieder einfach ihre orthodox-marxistische Vision verteidigen, deren bekannte Unzulänglichkeiten vergessend und die globalen Veränderungen und neuen politischen Akteure missachtend. Die "alte Linke" ist immer noch einer der Rückgrate des Sozialforumprozess, aber sie ist - wenn nach innen gerichtet - zugleich eine der größten Hindernisse für die Überwindung ihrer Defizite.

Die Herausforderung für die Dakar ist es, einen Mittelweg zwischen ESF und US-SF zu finden, indem es vor allem die Dynamik der afrikanischen Bewegungen, die Kraft und die Kapazitäten der alten Linken und die innovativen Methoden der USSF verwendet. Dies ist eine schwierige Balance und es ist sehr verständlich, dass die Gründerväter sehr vorsichtig bleiben, über "Offenen Raum" und "Zivilgesellschaft" und "neue politische Kultur" sprechen, ohne sie jemals zu definieren. Die aktuelle Diskussion über die "thematischen Achsen" von  Dakar 2011 zeigen, wie schwierig es ist, neue Themen zu berühren und neue Visionen zu integrieren.

Dennoch kann es sich das WSF nicht leisten, ihre "alte Linke" mit ihren analytischen Fähigkeiten und ihrem Wissen um die Vergangenheit zu verlieren. Wenn das WSF seine politische Relevanz nicht verlieren will, ist eine Art "Ruck" nötigt, um die Vagheit der" Zivilgesellschaft" und die Risiken des "offenen Raum" zu überwinden wie auch der alten konkurienden Konzepte der alten Linken. Neue Tagesordnungen mit neuen Diskursen werden gebraucht.

Heute ist das WSF eine bedeutende zivilgesellschaftliche Bewegung in der Welt. Es ist mit einer Entscheidung konfrontiert: Entweder fährt es fort, viele Bewegungen ohne inhaltliche Kohärenz zu organisieren und zu bündeln. Diese Wahl passt perfekt zu dem Wunsch, eine embryonale Form einer Vertretung der globalen Zivilgesellschaft zu werden. Oder es kann  versuchen, die Entwicklung neuer Weisen des Denkens und Organisierens zu fördern, um neue Bündnisse möglich zu machen, die sich um Inhalte organisieren und versuchen, ideologische Alternativen zu haben, welche zu neuen gemeinsamen Aktionsagenden führen. Beide Lösungen haben ein Potential die Linke zu erneuern, wenn auch der zweite Ansatz innovativer in Sachen der politischen Kultur ist. Es geht um die Suche nach einem Mittelweg zwischen der Versammlung der sozialen Bewegungen und dem "Offenen Raum"-Ansatz.

Das WSF wurde einst von Chico Whitacker als ein "gemeinsames Gut für die Menschheit" beschrieben, was es sicher ist. Aber da es nichts weiter ist als ein Werkzeug für einen transformativen Modus des politischen Handelns, braucht es ständig neue Leute, um das Werkzeug zu modernisieren, um mehr Innovation zu ermöglichen, um Fortschritte im Hinblick auf eine andere und bessere Welt zu erzielen.

Das Weltsozialforum 2011 in Dakar, Senegal, kann ein großer Erfolg werden, dank der Dynamik und dem Zutun vieler Afrikaner. Dakar kann die Europäer lehren zu sprechen und vor allem zuzuhören und sie zu neuen Tagesordnungen und Diskursen lenken. Dakar kann vom US-Sozialforum lernen, wie man die "Regeln" des WSF mit mehr politischen Inhalt  verbindet.

(Übersetzung aus dem Englischen von Torsten Trotzki. Englische Version siehe hier)

 

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