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Berichte

Zurück zu den Wurzeln

Das Weltsozialforum sollte lokale Kämpfe wieder in den Mittelpunkt stellen, sagt Mitorganisator Massa Koné

(von analyse & kritik Zeitung für linke Debatte & Praxis)

Interview: Paul Dziedzic

Seit über 20 Jahren findet jährlich das Weltsozialforum (WSF) statt, das progressive Organisationen aus der ganzen Welt anzieht. Doch über die Jahre hat das WSF an Relevanz eingebüßt, intern gibt es Kritik. Die Organisator*innen des diesjährigen WSF in Cotonou, Benin, bringen Erfahrungen aus ihren Kämpfen in Westafrika mit – und wollen den Fokus ändern.

Du hast vor kurzem an den Protesten gegen das Weltwirtschaftsforum in Davos teilgenommen. Wie war das für dich?

Massa Koné: Das Weltwirtschaftsforum behauptet für sich, die globale Wirtschaft verbessern zu wollen. Doch die Welt wird immer ärmer, und die Indikatoren zeigen deutlich, dass das Format gescheitert ist. Es ist einfach ein Geschäft geworden für Staatschefs und Reiche, die mit ihren Privatjets in die Berge fliegen und sich ihrer gegenseitigen Freundschaft versichern. Würde ein solches Treffen in Afrika oder Lateinamerika stattfinden, es würde so viele Bewegungen auf den Plan rufen, dass damit spätestens nach zwei Jahren Schluss wäre. Hier in Europa ist die Mobilisierung weniger stark, und wegen der Grenzen ist es für uns schwieriger, hier unsere Unterstützung zu zeigen.

Noch vor ein paar Jahren wurde auch hier mehr über die Bewegungen in Westafrika berichtet, jetzt ist es leise geworden. Wo würdest du sagen, stehen diese Bewegungen heute?

Die Medien zeigen nur Dschihadismus, Militärregierungen und Massaker und nicht die Erwartungen und Kämpfe der Menschen und Gemeinschaften. Die panafrikanischen Bewegungen haben einen Schritt nach vorne gemacht, indem sie sich des Imperialismus bewusst geworden sind. Oder anders gesagt: Wie sind wir in Afrika überhaupt erst in diese Situation gekommen? Es liegt daran, dass unsere Väter versagt haben. Nach der Unabhängigkeit haben sie zunächst die Massaker an den revolutionären Unabhängigkeitskämpfer*innen bejubelt. Dann haben sie ohne Weiteres die Regeln der Weltmächte angenommen, die ihnen bis heute die Hände binden, und sind zu Musterschüler*innen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) geworden. Die Jugend hat verstanden, dass sie betrogen wurde und die Anführer*innen ihre Privilegien nicht verlieren wollen. Bei ihren großen Treffen schwingen die Staatschefs zwar noch ihre panafrikanischen Reden, aber danach passiert nichts. Überall in Afrika sind die Menschen empört darüber, dass ihr Unglück auf dem Reichtum ihres Bodens beruht. Wo es Öl, Gold und Uran gibt, herrscht Krieg, zum Beispiel in Mali, Kongo oder der Sahelzone. Doch diese Kriege bedrohen nicht etwa die Fabriken der multinationalen Konzerne; der Abbau geht weiter. Es ist die Bevölkerung, die sich gegenseitig umbringt. Man muss die Ursache bekämpfen, und das bedeutet zuallererst, diese Politiker*innen aus dem Amt zu jagen, um dann untereinander zu überlegen, wie es weitergeht.

Wie kann sich dieser Widerstand organisieren, ohne ergebnislos unterzugehen?

Wir befinden uns nicht in einer Revolution, sondern im sozialen Wandel, der durch einen Schock darüber, dass das Recht des Stärkeren herrscht und die brutale Ausbeutung unserer Reichtümer weiter vorangetrieben wird, ausgelöst wurde. Und dass, obwohl immer von Menschenrechten und Zivilisation die Rede ist, keine Gerechtigkeit herrscht. Das führt dazu, dass es eine Art Erwachen gibt.

In Mali haben viele Gemeinschaften einem blockierten Staat die Stirn geboten, der vier Monate lang ohne Regierung war. Die Menschen haben das Regime abgelehnt, heute spricht man aber nur noch über den Putsch. Dasselbe gilt für Niger und Burkina Faso. Dabei haben wir in den Bewegungen schon lange vor diesen Ereignissen gesagt, dass die Partnerschaftsbeziehungen (mit Frankreich/dem Westen; Anm. ak) sich ändern müssen, dass wir neue Ansätze brauchen. Jedes Mal, wenn es ein Frankreich-Afrika-Gipfeltreffen gab, organisierten wir bei der CGLTE-OA einen Gegengipfel, denn die Partnerschaftsgipfel respektieren nicht unsere Würde. Das Gleiche haben wir auch über Davos gesagt. Bei einem unserer Gegengipfel in Abidjan verjagte uns die Polizei und klaute unsere Transparente. Aber wir haben weitergemacht und den nächsten Gegengipfel organisiert.

Was macht eure Bewegung mit dem Schock und der Empörung?

Wir sind Teil verschiedener Bewegungen, die die Empörung auffangen und sie mit Protesten zum Ausdruck bringen. Es macht übrigens keinen Sinn zu sagen, man sei gegen die eine oder die andere Gruppe. Wir sind gegen niemanden, es geht darum, wir selbst sein zu können. Für Diskussionen sorgen insbesondere unsere Mobilisierungen in den Karawanen. Alle zwei Jahre organisieren unsere 16 nationalen Partner eine Reise von rund 350 westafrikanischen Vertreter*innen durch fünf Länder. Sie machen Tausende Zwischenstopps, informieren die Gemeinden über ihre Rechte und unterstützen sie in ihren Kämpfen, vor allem die Opfer von Landraub durch Investoren. Wir versuchen auch, die religiöse Mentalität zu überwinden, die besagt, dass man sich einfach nur Gott anvertrauen muss und alles mit Gebeten überwunden werden kann.

Welche Instrumente gebt ihr den Gemeinden an die Hand?

Die Karawane ist eine Bewegung der Gemeinschaften, ein Raum der Mobilisierung und der Bewusstseinsbildung. Wir wollen die Kämpfe um Land, Wasser und Saatgut bündeln und gemeinsam Strategien des Widerstands entwickeln. Wir bringen lokale Organisationen mit den jeweiligen nationalen und regionalen Partnern zusammen und setzen uns für ihre Forderungen gegenüber den Behörden ein. Damit wollen wir zeigen, dass wir Afrikaner*innen uns befreien, uns selbst verändern und vorankommen müssen, indem wir sehr klare Regeln aufstellen. Wir brauchen Gesetze, um uns vor allem vor den Räubern zu schützen, damit unsere natürlichen Ressourcen anerkannt und geschützt werden und wir selbstständig über unsere Zukunft entscheiden können. Wir hinterfragen uns auch selbst, indem wir darüber aufklären, welche Verhaltensweisen einen negativen Einfluss auf unsere Umwelt haben.

Jetzt organisiert ihr das 17. Weltsozialforum in Cotonou, Benin. Was sind eure Gedanken zu den geopolitischen Verschiebungen und dem Wandel des Neoliberalismus?

Das Weltsozialforum hat sich stark verändert, da es von den vielen NGOs gekapert wurde. Die Konzepte der NGOs haben uns vom gemeinschaftlichen Kampf, von den sozialen Bewegungen und vom Kampf gegen das imperialistische System und für eine andere Welt entfernt. Umfassendere Kämpfe wurden in kleine Bereiche zerlegt: Klima, Land, Wasser, Frauen, Migrant*innen. Der Imperialismus konnte innerhalb des WSF an Boden gewinnen, indem er NGOs finanzierte, die sich diesen Konzepten verschrieben hatten, und indem er Spaltungen schuf, da jede einzelne Organisation ihre geringe Finanzierung verbittert verteidigt. Unsere Bewegung ist aus diesem Weltsozialforum hervorgegangen. Im Jahr 2011 waren wir bereits Aktivist*innen, aber wir waren nicht international vernetzt. Wir wollten über Landraub sprechen und einem populären Kampf Gehör verschaffen, aber alles war fragmentiert: Land, Wasser, Klima, jedes Thema in seinem eigenen Forum und mit eigenen thematischen Konzepten. Das Weltsozialforum, das im August in Cotonou, Benin, stattfindet, ist ein einzigartiger Ort, an dem lokale und soziale Kräfte, zivilgesellschaftliche Organisationen, Freidenker*innen, NGOs, linke Parteien und Gewerkschaften nachdenken, entscheiden und mit übergeordneten und globalen Ideen rausgehen. Diese Ideen können sehr unterschiedlich sein, aber sie müssen ein Barometer für Gleichheit und Gerechtigkeit auf der ganzen Welt schaffen, um den Herausforderungen und Problemen des zerstörerischen Neoliberalismus und der geopolitischen Formationen zu begegnen. Wir möchten auch, dass die Gemeinschaften im Mittelpunkt stehen und mitreden. Deswegen hat sich die CGLTE-OA um die Organisation dieses Forums beworben, um eine echte Debatte und eine Neuorganisation rund um eine globale Alternative zurückzubringen. Deshalb wollen wir ein Forum, das keine einmalige Veranstaltung ist, sondern Teil eines Prozesses.

Es geht euch also darum, mehr Platz für Gemeinschaften und Bewegungen zu schaffen als für NGOs?

Das tun wir ohnehin schon alle zwei Jahre mit unseren Karawanen. Wir tun dies unter schwierigen Bedingungen, trotzdem tun wir es, weil wir an unseren Kampf glauben und nicht aufgeben. Dieses Jahr wird es drei Karawanen geben, eine aus der Sahelzone, eine von der Küste und eine aus Zentralafrika. Die Karawanen werden sich beim Weltsozialforum in Benin treffen, um über ihren Widerstand zu sprechen, voneinander zu lernen und die Auswirkungen des Neokolonialismus und dessen Einfluss auf ihren Alltag besser zu verstehen. Das Ziel ist, zu erkennen, dass dieser Einfluss sehr real ist, und Strategien darüber zu entwickeln, was sie dagegen machen können. 

(Massa Koné ist Jurist und Landwirt. Er ist Sprecher der Convergence Globale des Luttes pour la Terre et l’Eau ouest africaine CGLTE-OA (Globale Konvergenz der Kämpfe für Land und Wasser in Westafrika), eines Netzwerks, das sich gegen Landraub und für agroökologische Alternativen einsetzt. Er ist auch Mitglied der Organisation des Weltsozialforums, das vom 4. bis 8. August 2026 in Cotonou, Benin, stattfinden wird.)

 

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