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BABELS UND NOMAD – Anmerkungen zur Barbarisierung der Kommunikation auf dem 5. Weltsozialforum 2005

Diskussionsbeitrag von Peter Naumann, einem Konferenzdolmetscher, der auf den Weltsozialforen I-III und V professionell und zu professionellen Konditionen gearbeitet hat.

(von Peter Naumann, naumann@via-rs.net*)

* Konferenzdolmetscher, der auf den Weltsozialforen I-III und V professionell und zu professionellen Konditionen gearbeitet hat. Ohne sich von der Verantwortung entlasten zu wollen, bedankt Vf. sich herzlich bei Mário Hage für einen Hinweis und bei Marten Henschel für unschätzbare kollegiale Vorschläge zur Verbesserung dieses Diskussionsbeitrags.

für Sérgio Xavier Ferreira

Until WSF 2003, translation was treated as another “service” to be contracted on the market. In the construction of the WSF 2005, this relation is to be radically different: it will not be treated as a mere “economic question”. We believe that translation in the WSF process is militancy. It is a matter of political action trying to ensure that movements communicating with each other in different languages understand each other and to promote the reappropriation of technical means and mechanisms of translation on the part of social movements. [...] in the preparation of WSF 2005, translation stops being a “service” and becomes an effort of convergence and militancy” [Hervorhebungen von mir, PN]

http://www.forumsocialmundial.org.br/dinamic.php?pagina=gt_traducao_nota_in

 

“By translating the discussions at the WSF, you will be making it possible for more than 100,000 to take an active part, regardless of their mastery of foreign languages.”

http://www.forumsocialmundial.org.br/main.php?id_menu=16_1&cd_language=2

 

“We can nevertheless state that whatever the budget the quality of Translation for the process and during the event will be higher than if, for the same cost, to externalize this task by hiring people: more languages will be accommodated in more rooms (or events) as well as a higher dedication to the meaning of the event will happen.” [Hervorgehoben von mir, PN]

(“Assessing the language issue for the WSF 2005 in Porto Alegre”, 30.04.2004)

http://www.babels.org/article.php3?id_article=42

 

“Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heisst ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.”

(1. Buch Mose 11, 7-9)

 

0. Der Turmbau zu Babel ist erneut versucht worden, dieses Mal in Porto Alegre anlässlich des 5. Weltsozialforums. Anders als im biblischen Mythos bedurfte das Scheitern menschlicher Vermessenheit nicht eines herniederfahrenden Gottes, sondern nur der mangelnden Einsicht der Veranstalter des Forums. Es ergab sich aus prinzipiellen, nachfolgend darzulegenden Gründen.

1. Viele der ca. 155.000 Teilnehmer aus 135 Ländern kamen per Flugzeug nach Porto Alegre. Niemand hat daran gedacht, eine von rudernden Volontären betriebene Galeerenflotte zusammenzustellen oder die Kosten des interkontinentalen Verkehrs durch den Einsatz von Schiffen oder umweltverträglicheren Flößen zu minimieren. Niemandem wäre es in den Sinn gekommen, die Flugzeugpiloten durch kostengünstigere Volontäre zu ersetzen, die einmal einen Sportfliegerschein erworben haben oder einfach ein Faible für Flugzeuge mitbringen. Als aber die Diskussion um die notwendige andere Welt begann, wurde sie vorwiegend von BABELS, einem Netzwerk freiwilliger DolmetscherInnen (www.babels.org), vermittelt, also verunklärt. Wo es den oftmals auch kognitiv überforderten Volontären nicht die Sprache verschlug, fingen sie zwar an zu reden in anderen Zungen, aber kein Heiliger Geist erschien ihnen, um das Pfingstwunder zu wiederholen. Das von ihnen verursachte Chaos war nicht so sichtbar wie Verkehrsunfälle oder ärztliche Kunstfehler. Es war nur Geräusch, wird also in einer zunehmend geräuschvolleren Welt schnell der Vergessenheit anheimfallen. Mit NOMAD wird es, falls man den Ankündigungen Glauben schenken darf und die von Hans Magnus Enzensbergers suggerierte Synonymie in Gedankenflucht (I) (Kiosk. Frankfurt/Main, 1995) zutrifft, “gespeichert d.h. vergessen”.

2. Viel Kritik wurde am Abend des 30. Januars 2005 anläßlich der gemeinsamen Auswertung für deutschsprachige TeilnehmerInnen an der Simultanverdolmetschungstechnik NOMAD und den Dolmetschern von BABELS geübt. Eine Teilnehmerin hielt die Dolmetscher für “überfordert”, eine andere fand sie “schlichtweg fatal”. Elmar Altvater, der am 4. Februar einen lesenswerten Bericht in “Freitag” veröffentlicht und einen sehr konstruktiven, in seinem Bericht “Das große Treffen. Beobachtungen auf dem Weltsozialforum von Porto Alegre 2005” ausführlicher begründeten Finanzierungsvorschlag zur Überwindung des babylonischen Sprachengewirrs vorgetragen hat (siehe Fußnote 1), stellte bei BABELS Mangel an Technik fest. Obwohl ich selbst in einigen Zelten erschreckende Beispiele gesehen und gehört habe, bin ich weder in der Lage noch willens, ein Urteil über die Qualität der selbst- bzw. fremdernannten nicht berufsmäßigen Dolmetscher von BABELS abzugeben, unter denen sicherlich genuine Talente, geborene Dolmetscher gewesen sind. Das ist für den Einzelnen schon wegen der Vielzahl und Unüberschaubarkeit der Veranstaltungen des 5. Weltsozialforums unmöglich. Eine solche Bewertung ist jedoch auch unnötig, wenn man von einer realistischen Sicht interkultureller Kommunikation ausgeht. Diese scheint Vertretern von BABELS und den Veranstaltern des Weltsozialforums fremd zu sein - aus Gründen, die mit der Verfasstheit der Welt, deren Änderungsbedürftigkeit sich das FORUM verdankt, systematisch zusammenhängen.

2. Es entbehrt nicht der Ironie, dass gerade das Weltsozialforum seit Mumbai und den europäischen Regionalforen mit seiner Option für BABELS die warenproduzierende Gesellschaft voll bestätigt. Wie viele andere Gegenstände, Verrichtungen und Fähigkeiten, ist auch Dolmetschen in der durchkapitalisierten Welt eine Ware. Aufgrund verschiedener Umstände ist der Warencharakter des Dolmetschens erst in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts voll in Erscheinung getreten. Der Qualitätsschwund, der Einbruch von in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts und in den fünfziger Jahren, nach dem Siegeszug des Simultandolmetschens, mühsam erarbeiteten Standards, die ihrerseits das Überleben von Restbeständen alteuropäischer Bildungstradition voraussetzen, die zunehmende Verflachung der unmittelbare Verwertung bzw. Verwurstung im Betrieb anstrebenden Ausbildung, die schiere Ignoranz vieler NachwuchsdolmetscherInnen und die allgemein feststellbare Pragmatisierung des Sprachgebrauchs lassen sich unschwer als Anzeichen der Durchsetzung des Warencharakters im Konferenzdolmetschen erklären. Die Leitung des FORUMS und die BABELS-Gruppe bestätigen unfreiwillig diesen Zustand, dessen Aufhebung auf ihrem Programm steht. Sie predigen zu Recht alternative Wirtschafts- und Arbeitsweisen, die vielfach an handwerkliche Produktionsweisen anknüpfen, verkennen aber in seltsamer Inkonsequenz die etablierten handwerklichen Standards des Dolmetschens.

3. Die Kritik der Ware und des warenförmigen Denkens, um die sich das FORUM verständlicherweise immer wieder bemüht, erfordert nicht nur Redner auf dem Podium und im Plenum, die den “Ausgang aus ihrer selbst- [bzw. fremd-] verschuldeten Unmündigkeit” (Kant) suchen, sondern auch sprachlich und intellektuell mündige Dolmetscher. Hier führt kein Weg an Professionalität vorbei. Gefragt sind nämlich die besten Dolmetscher der alten Schule. Bei rechtem Licht besehen, sind nicht nur die hier und da vernommenen stammelnden Volontäre von BABELS (nomen est omen), sondern auch normale KonferenzdolmetscherInnen der Gegenwart auf dem FORUM weit überfordert. Verlangt wird hier unvergleichlich mehr als auf den Kongressen der Industrie, den Handelskongressen oder den zunehmend banaleren politischen Gesprächen, die ein versierter Konferenzdolmetscher durch Abspulen der einschlägigen Phraseologie meistert. Vorausgesetzt werden nicht nur die gute Beherrschung der aktiven und passiven Sprachen und eine literarische Kinderstube, sondern eine umfassende Allgemeinbildung, intellektuelle Neugier, die Fähigkeit des Vernetzens unterschiedlicher Wissensbereiche. Vorausgesetzt wird, um es kurz zu sagen, Mitdenken, das immer auch Nachdenken einschließt und seine Vollendung im Vordenken findet. Das FORUM benötigt keine DolmetscherInnen, die sich wie die vom jungen Gramsci anschaulich beschriebenen Bourgeois Ignoranz leisten können, da “die bürgerliche Welt von selbst funktioniert” (“L'ignoranza è anch'essa un privilegio della borghesia, come ne è un privilegio il dolce far niente e la pigrizia mentale.”). Es bedarf der besten Dolmetscher. Diese sterben aus, aber es gibt noch einige anachronistische Vertreter, die sich dem überhandnehmenden Psittazismus versagen und Wert darauf legen, ihre Redner zu verstehen und sie so zu dolmetschen, als ob Sprachbarrieren nicht existierten. Technik ist nicht einmal ihr herausragendes Merkmal. Wichtiger ist ihre Fähigkeit, intensiv zuhören zu können.

Es ist eine Binsenweisheit, dass anspruchsvolle Redner und Denker – und das FORUM versammelt viele, neben den wenig auf Wirklichkeit verpflichteten Vertretern einer sich nur akademisch verstehenden Wissenschaft und Apokalyptikern, Chiliasten und Esoterikern verschiedener Provenienz – nicht von subalternen Dolmetschern überzeugend wiedergegeben werden können. Wozu also anspruchsvolle Veranstaltungen mit hochkarätigen Rednern, wenn diese stümper- und schülerhaft gedolmetscht werden? Wozu überhaupt BABELS, das größtenteils nur guten Willen, aber keine wahre Kompetenz mobilisieren kann?

BABELS unterstellt in seiner Gründungscharta treuherzig das Vorhandensein von Sprachkompetenz der Mitglieder des Netzwerks. Diese Kompetenz ist zumindest in der Muttersprache vieler BABELS-Teilnehmer vorhanden, befähigt aber noch nicht zum Dolmetschen, sowenig wie Sprachkompetenz in zwei oder mehr Sprachen schon zum Dolmetschen befähigt. Was es jedoch mit dieser Kompetenz in einem derartigen Netzwerk oft auf sich hat, lässt sich www.babels.org an zwei Stellen entnehmen. Der interessierte Leser sei nur auf die Rubriken “Babelitos Porto Alegre” und “First Experience as Interpreter” verwiesen. Die Äußerungen der vier Volontäre beweisen eindeutig, dass sie intensiven Nachhilfeunterricht in ihren Muttersprachen benötigen und ihnen darüber hinaus der Besuch des Collegium Logicum (Goethe. Faust I, 1911) und anderer Collegia dringend anzuraten ist. Ihre Sprachkompetenz in der bzw. den Fremdsprachen lässt sich nur erahnen. BABELS scheint jedenfalls große Ähnlichkeit mit der von Mario Monicelli 1966 dargestellten Armata Brancaleone zu haben. Die Kreuzfahrer wissen nicht genau, wohin die Reise geht, aber sie sind immerhin unterwegs.

4. Inmitten der “ungeheuren Warensammlung” (Marx), die das FORUM auch ist, sind gute Dolmetscher Mangelware. Dessen eingedenk, sollten die Veranstalter des FORUMS sich in Zukunft auf die schon dreimal gelungene optimale Lösung der Verdolmetschung während der drei ersten Foren besinnen. Chefdolmetscher war damals Sérgio Xavier Ferreira (Rio de Janeiro), der umsichtig und weitblickend die besten und erfahrensten KonferenzdolmetscherInnen Brasiliens verpflichtete. Erfahrenere und weniger erfahrene DolmetscherInnen wurden geschickt in Teams zusammengestellt. Auch die Kombination von Aktiv- und Passivsprachen wurde berücksichtigt bzw. dort, wo das prinzipiell problematische Relais-Dolmetschen über eine lingua franca sich als unvermeidlich erwies, für qualifizierte interprètes-pivots gesorgt. Diese Lösung berücksichtigte ein Hauptziel des FORUMS, nämlich das Interesse der teilnehmenden Hörer, Redner und der Veranstalter an der Verständigung über die andere Welt. Die von 2001 bis 2003 für die zentralen Veranstaltungen verpflichteten, durchaus traditionellen DolmetscherInnen waren somit die Geburtshelfer und Hebammen eines vielstimmigen Diskurses. BABELS kann schon von seiner Konzeption her kein vergleichbares Dolmetscherteam zusammenstellen.

Die überwiegend schlechte Verdolmetschung auf dem 5. Weltsozialforum wurde von Maricruz (Quito/Ecuador), einer Volontärin von BABELS, auf der Debriefing-Sitzung der freiwilligen Dolmetscher am Vormittag des 31. Januars mit unmissverständlicher Deutlichkeit herausgestellt. Ihre lapidare Aussage lässt ein Problembewusstsein erkennen, das der Leitung des 5. Weltsozialforums und BABELS abzugehen scheint:

“Para mi fue una experiencia catastrófica. En Quito, el resultado de la interpretación fue malo, pero aquí, fue peor. El problema, es que aquí hay gente profesional y gente sin experiencia. Voluntarios Babels están aquí porque queremos otro mundo. Pero cuanto dinero gastaron Babels y Nomad? No estamos aquí para el desayuno, sino para proporcionar un trabajo de calidad. Propuesta para la selección: los profesionales deberían ser la mayoría de los voluntarios. Pude oír a una traducción de Babels en la televisión: fue espantosa. Tenemos la obligación de proponer un servicio de calidad.
Otra cosa, es acortar nuestros objectivos. No podemos hacerlo todo. En cuanto al problema de horizontalidad, aquí resultó en caos. Necesitamos a gente responsable (lo que en inglés se llama 'accountable').” (http://www.babels.org/forum/viewtopic.php?p=1259#1259)

5. Die Übertragungstechnik NOMAD liegt weit unter dem derzeit üblichen Standard. Ihre gegen das nichtexistente Monopol anlagenvermietender Konzerne wetternden Befürworter machen aus ihrer Not eine Tugend, gemäß dem Fehlschluss: alternativ, also besser. Wer so argumentiert, gerät unfreiwillig in die Nähe derjenigen, die Globalisierung mit der Rückkehr in die Steinzeit überwinden wollen. Ich selbst habe am Vormittag des 23. Januars anlässlich eines Vortrags von Robert Kurz (Nürnberg) NOMAD kennengelernt und keine guten Erfahrungen gemacht. Ohne die langjährige Kenntnis vieler Publikationen von Robert Kurz und der Klassiker, auf die er sich bezieht, wäre ich gescheitert. Die Anlage erinnerte mich bestenfalls an den technischen Standard der späten siebziger Jahre. Ich vermag mir nicht vorzustellen, wie junge Dolmetscher oder Amateure damit arbeiten können. Auch habe ich gehört, dass VH, eine lokale Firma für Veranstaltungstechnik, deren Qualitätsstandard in Brasilien allgemein anerkannt ist, 150 Mischpulte bereitstellen musste, als die Technik von NOMAD versagte bzw. wegen mangelnder Organisation nicht verfügbar war. Die Veranstalter des FORUMS sollten in Zukunft im Interesse der hörenden, redenden und dolmetschenden TeilnehmerInnen, also im Interesse der Allgemeinheit, bedenken, dass gutes Zuhören eine Grundbedingung gelingenden Dolmetschens ist. Sie sollten weniger auf nicht ausgereifte nomadisierende, zufällig funktionierende Technik und mehr auf die in den vergangenen Jahrzehnten von sesshaften Übertragungsspezialisten perfektionierten Anlagen setzen. In Brasilien werden diese Anlagen übrigens nicht von Monopolisten vermietet, sondern von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Die Qualität ist unterschiedlich, in jedem Fall aber besser als die von NOMAD.

6. Als prinzipieller Rückschritt, wiederum nicht nur aus der Perspektive der dienenden Dolmetscher, aber auch im Hinblick auf die legitimen Interessen der Redner und Hörer, ist die Entscheidung der Veranstalter zu werten, die Konferenzräume der Katholischen Universität und andere für Konferenzen geeignete Räume zugunsten der Zeltstadt am Rande der Lagune aufzugeben. Die eigentümliche Integrationswirkung der Zeltstadt soll hiermit nicht geleugnet werden. Die Unmöglichkeit einer akustischen Isolierung in den Zelten war jedoch vorher schon abzusehen. Auch war es in den Zelten sehr heiß, was die Veranstalter auf den unseligen Einfall brachte, große Ventilatoren aufzustellen. Diese produzierten einen Flugzeughangars vergleichbaren Lärm, der die Tontechniker dazu verführte, die Lautsprecher sehr laut einzustellen. Dolmetscher und Hörer wurden mit akustischem Müll überflutet, dessen Abwehr und Entsorgung einen beträchtlichen Teil ihrer Konzentrationsfähigkeit in Anspruch nahm und dem Ideal des angespannt-entspannten Zuhörens zuwiderlief. Viele Redner verwechselten Leidenschaft mit Lautstärke und wurden von unerfahrenen Moderatoren auch nicht im richtigen Umgang mit dem Mikrophon unterwiesen. Für die nichtprofessionellen Mitglieder von BABELS waren diese Arbeitsbedingungen eine zusätzliche, unzumutbare Belastung, die bei der Beurteilung ihrer unzulänglichen Leistung gerechterweise zu berücksichtigen ist.

Zukünftige Weltsozialforen sollten ernsthaft erwägen, was ihnen wichtiger scheint: eine Integration der Teilnehmer unter akustisch widrigen Bedingungen (die Integration, die auch sprachliche Kommunikation voraussetzt, von vornherein verhindern), oder die Ermöglichung einer Kommunikation ohne unzumutbare Lärmbelastung (die eine Voraussetzung von Integration ist). Da Integration nicht unbedingt von der Massierung von Zelten an einem Ort abhängig ist, sprachvermittelte Kommunikation aber nach wie vor einer guten Organisation bedarf, sollte diese Entscheidung nicht schwer fallen.

7. Obwohl sie die Sprachenfrage nicht als “mere economic question” behandelt wissen wollen, bringen die Leitung des FORUMS und BABELS immer wieder das Argument der Wirtschaftlichkeit ins Spiel: professionelle Verdolmetschung sei zu teuer. Das 3. Forum hat 2003 ca. US$ 500,000.00 für die vom IBASE/Rio de Janeiro verpflichteten über 100 DolmetscherInnen ausgegeben. Umsonst sind aber nicht einmal die aus der ganzen Welt anreisenden VolontärInnen zu haben. Nach einer Schätzung von www.babels.org haben die über 500 Babelitos, wie sich die BABELS-Mitglieder in zeitgemässer Infantilität, vielleicht auch in dunkler Vorahnung ihrer tatsächlichen Statur, bezeichnen, jeweils US$ 200.00/Tag gekostet. Falls das zutrifft, ist die neue “Qualität” der Verdolmetschung auf dem 5. Forum das Ergebnis einer gigantischen Fehlplanung und Fehlinvestition. Ein erfahrener beratender Dolmetscher hätte für weniger Geld (bzw. einen vergleichbaren Betrag, wenn man das Wachstum des Forums in Rechnung stellt), ein kleineres Team von BerufsdolmetscherInnen organisiert und mehr Veranstaltungen mit höherer Qualität bedient, die knappen Mittel vernünftiger eingesetzt, also aus weniger mehr gemacht.

Entgegen seinem Selbstverständnis, arbeitet BABELS wie Werbefachleute mit simplen Umbenennungen, wie folgendes Zitat zeigt, das man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte: “Calling for volunteers is not a matter of 'costs' but of 'investments'” (http://www.babels.org/article.php3?id_article=42). Kosten dürfen nun einmal nicht sein. Also wird suggeriert, dass sie nicht sind. Wären sie, würde man nach der neuen Sprachregelung ja auch nicht von “calling”, sondern von “hiring” sprechen. Da sie aber doch sind, nennt man sie Investitionen. Die Wirklichkeit ändert sich nicht, bekommt aber einen anderen Anstrich. The medium is the message.

Die vom Forum voluntaristisch vorweggenommene alternative Wirtschaft hat den Tauschwert der Ware Dolmetscher schon abgeschafft. Wie steht es aber um den offensichtlich nach Null tendierenden Gebrauchswert der Babelitos? Was konnten die Hörer mit deren Sprechversuchen anfangen? Wie werden zukünftige Historiker und Archäologen mit der von NOMAD digitalisierten “lebendigen Erinnerung” des Forums umgehen? Welcher hermeneutischer Marathonaden zukünftiger Volontäre (und entsprechender “Investitionen”) wird es nicht bedürfen, um das Gestammel zu transkribieren, durch Interpolationen und Konjekturen in verständliche Rede zu übersetzen und dann der Menschheit als Erbe zu übergeben?

Nachdenklich stimmen auch Informationen, denen zufolge die von BABELS organisierte Mangelwirtschaft in letzter Minute bei einigen Veranstaltungen zur Einstellung von Berufsdolmetschern zu exorbitanten, weit über den marktüblichen Honoraren liegenden Sätzen führte. Selbst in der vom Forum experimentell vorweggenommenen anderen Welt hat das grausame Gesetz von Angebot und Nachfrage noch nicht seine Geltung verloren: dank der vereinten Anstrengungen der Leiter des Forums und ihrer Steigbügelhalter bei BABELS, stabilisiert es zwangsläufig die freie Marktwirtschaft und den Wucher.

In “Babels and the politics of language at the heart of Social Forum” (http://www.euromovements.info/newsletter/babel.htm) erwähnen Julie Boéri und Stuart Hodkinson von Babels-UK die “dubious politics and huge expense of hiring professional interpreters for the WSF in 2001 und 2002”. Sie verkennen, dass fähige Dolmetscher zur Infrastruktur eines mehrsprachigen Treffens gehören wie die Gebäude, die Transport- und Verkehrslogistik, eine verlässliche Technik und viele andere Dinge mehr.

8. Vertreter von BABELS haben ein zweites Pseudoargument in Umlauf gesetzt, das von vielen Ahnungslosen nachgeplappert wurde: die für ihre Tätigkeit entlohnten Konferenzdolmetscher seien nicht auf die Ziele des FORUMS eingeschworen und würden nur fürs schnöde Geld arbeiten. Letztere Behauptung wird schon durch die entgegenkommende Haltung der vom IBASE/Rio de Janeiro für das FORUM in seinen ersten drei Jahren verpflichteten Berufsdolmetscher widerlegt. Die DolmetscherInnen haben für Honorare und unter Bedingungen gearbeitet, die nicht den besten marktüblichen Konditionen entsprachen. Die Qualität war eindeutig besser als 2005. Bei den zentralen Sprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, möglicherweise Portugiesisch) wäre das FORUM mit Berufsdolmetschern besser bedient. Wo andere Sprachen hinzukommen, vor allem bei Regionalforen in anderen Kontinenten, sollte sich das FORUM zuerst um professionelle Dolmetscher bemühen und Netzwerke wie BABELS nur als ultima ratio mobilisieren. Wo immer von unzureichendem Engagement und der Geldgier der qualifizierten Berufsdolmetscher gesprochen wird, lässt sich unschwer auf eine naive Vorstellung von der Natur sprachlicher Kommunikation, auf Unvermögen oder gar auf prononciertes Ressentiment schließen. So unsympathisch dies den Ideologen der Militanz auch sein mag, bleibt festzuhalten, dass die politische Einstellung eines guten Konferenzdolmetschers für die Beurteilung der Qualität seiner Arbeit nebensächlich ist. Gute Dolmetscher sind aufmerksame Hörer, Zaungäste der Weltgeschichte, die ihre Redner, aber auch sich selbst, relativieren können. Ohne diese Fähigkeit zur Distanzierung und Objektivierung könnten sie nicht gut dolmetschen, d.h. sich den wechselnden Rednern mit ihren unterschiedlichen Weltanschauungen nicht mit konstanter Glaubwürdigkeit zur Verfügung stellen.

Besucher der früheren Foren in Porto Alegre mögen sich an das erlesene Portugiesisch des Nestors der brasilianischen Konferenzdolmetscher, Carlos Peixoto de Castro (Rio de Janeiro), die anspruchsvolle Einfachheit von Antônio Machado (Portugiesisch und Englisch, Belo Horizonte), die tropisch bunte und gleichzeitig sehr französische clarté von Sieni Maria Campos (Portugiesisch und Französisch, Rio de Janeiro), die gelassene Virtuosität von Suzana Mizne (Portugiesisch und Französisch, São Paulo), den Konversationston in der Stimme von Patrick Wuillaume (Portugiesisch und Französisch, Rio de Janeiro), die strukturierte Lebendigkeit von Sérgio Xavier Ferreira (Portugiesisch und Englisch, Rio de Janeiro) und die diskrete Eleganz von David Hathaway (Portugiesisch und Englisch, Brasília) erinnern. Diese individuell so unterschiedlichen, hier nur exemplarisch genannten DolmetscherInnen geben Qualität und verständliche menschliche Rede zum Besten, aber auch die Pluralität und Vielfalt, für deren Erhaltung sich das FORUM aus guten Gründen einsetzt. Sie zeigen ohrenfällig, was nicht entfremdetes Dolmetschen zu leisten vermag.

Durch die Vorgabe “We believe that translation in the WSF process is militancy” haben sich die Veranstalter und BABELS von vornherein der Möglichkeit begeben, Übersetzen und Dolmetschen als (entgeltliche oder unentgeltliche) Dienstleistungen zu verstehen, die nur nach Kriterien professioneller Kompetenz sinnvoll zu beurteilen sind. Diese Vorgabe ist wie ein Glaubensinhalt rationaler Analyse unzugänglich. Der Glaube versetzt keine Verständnisbarrieren zwischen Sprachen und den hinter ihnen stehenden Kulturen, vermittelt aber bei entsprechender gebetsmühlenhafter Wiederholung den Mitgliedern von BABELS die Überzeugung moralischer Überlegenheit, mit der sich Unfähigkeit trefflich kaschieren und die Marktreserve für das nächste FORUM schon jetzt legitimieren lässt.

Eine Bilanz der Schwierigkeiten der Verdolmetschung zwischen vielen Sprachen und der von den 'Experten' von BABELS und den Leitern des FORUMS zusammengetragenen Argumente lässt sich in folgender These zusammenfassen: BABELS ist keine Lösung, sondern bestenfalls ein falsch formuliertes Problem. Ohne Problembewusstsein, das der Leitung des FORUMS nur zu wünschen ist, wird Problemlösungsfähigkeit sich nicht einstellen. Militanz und zelotische Einstellung verbürgen noch lange nicht Intelligenz. Aber vielleicht wird die Leitung des FORUMS aus Schaden klug und zerstreut die Mitglieder von BABELS in alle ihre Herkunftsländer, auf dass sie nicht noch mehr Verwirrung über die Menschheit bringen.

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Fußnote

1 “Das Dilemma zwischen den beiden öffentlichen Gütern: der linguistischen Diversität einerseits und der Kommunikation auf globalen Foren andererseits ließe sich durch die Bereitstellung geeigneter Übersetzung zwischen den verschiedenen Sprachen lösen. Das kostet Geld, das man erheben müsste. Wie, wenn man nicht wie das Weltwirtschaftsforum kapitalkräftige Teilnehmer mit viel Geld versammeln kann und will? Vorstellbar wäre, eine „Steuer auf die linguistische Seigneuriage des Englischen zur Erleichterung globaler Kommunikation“ (sie könnte „taxa sobre a seigneuriage lingüística para a facilitaçao da comunicação global“ genannt werden, z.B. mit dem Akronym Tax-Ascii) zu erheben. Diese Abgabe könnte wenige Cent auf englischsprachige Publikationen ausmachen, um auf diese Weise einen Fonds zu bilden, der von der UNESCO zu verwalten wäre. Denn die Aufgabe der UNESCO ist der Schutz des Kulturerbes der Menschheit. Dazu gehört die Vielfalt der Sprachen, aber angesichts der Globalisierung auch die Herstellung globaler Kommunikation und deren Erleichterung. Es lohnt sich wohl, eine internationale Kampagne zu organisieren, um das Politikum der Übersetzung auch politisch zu bewältigen. Nirgendwo erfährt man dringlicher die Notwendigkeit der Bereitstellung der Mittel der Kommunikation zwischen den Sprachen und Kulturen als auf dem Weltsozialforum.

Bis es so weit ist, wird vom Weltsozialforum freilich der Anspruch an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausgehen, die eigenen linguistischen Kompetenzen zu verbessern, um sich mit anderen Menschen aus anderen Ländern, mit anderen politischen Erfahrungen austauschen zu können.” (Elmar Altvater. Das große Treffen. Veröffentlicht in http://www.weltsozialforum.de/ und http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=5272&type=0).


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