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Berichte

Globales Benin – Das Weltsozialforum auf der Suche nach Antworten

Beitrag des Deutschlandfunks (DLF) in der Sendung "Eine Welt" am 08.08.2026

Rundfunk-Berichterstattung des Deutschlandfunk, dessen Afrika-Korrespondent Georg Restle vor Ort am Weltsozialforum in Bénin teilnimmt.

Nachfolgend die Transkription des Interviews von Manfred Götzke mit Georg Restle (erstellt von TurboScribe). Die Audio-Version ist am Ende der Transkription zu finden.

(0:00 - 0:20)

Deutschlandfunk, eine Welt. 

Götzke: Vor 25 Jahren wurde im brasilianischen Porto Alegre das Weltsozialforum gegründet, als eine Art Gegengipfel zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Das Forum versteht sich als offene Bewegung und bekennt sich zu Toleranz, Gewaltfreiheit, Demokratie und Pluralismus.

(0:21 - 0:37)

Regierungsvertreter sind explizit unerwünscht. In den letzten vier Tagen lief der Gipfel im westafrikanischen Benin mit zehntausenden Teilnehmern und so ziemlich unter Ausschluss der deutschen Öffentlichkeit. Hauptthemen waren Kampf gegen Landraub, Klimakrise, Ausbeutung, Überschuldung.

(0:37 - 0:45)

Als einer der wenigen europäischen Journalisten ist unser Afrika-Korrespondent Georg Restle vor Ort. Hallo Herr Restle. 

Restle: Hallo Herr Götzke.

(0:45 - 1:46)

Götzke: Herr Restle, was ist das übergeordnete Ziel des Forums? Gegensatz zu Davos? 

Restle: Ja, Gegensatz zu Davos ist ein Stichwort, weil man möchte natürlich eine andere Welt. So ist das Motto, die sei möglich und der Vertreter der von "Brot für die Welt", einem der großen kirchlichen deutschen Hilfswerke, die hier vor Ort auch sind, hat es umformuliert und hat gesagt, eine andere Welt ist nicht nur möglich, sondern eine andere Welt ist dringend nötig, gerade weil Regierungsvertreter oder die großen Wirtschaftsunternehmen dem globalen Süden es eher schwer machen, auf die Beine zu kommen, und deswegen ist das hier ein Treffen der Zivilgesellschaft, ein anderer Entwurf, ein Entwurf, der auf Menschenrechte setzt, ein Entwurf, der auf die Rechte von Kleinbauern setzt, der versucht dem, was das Weltwirtschaftsforum beispielsweise in Davos repräsentiert, eine andere Vision gegenüberzustellen. 

Götzke: Tausende Teilnehmer aus 50 Ländern, wie kann man sich das vorstellen? Wie ist die Atmosphäre da vor Ort in Benin? 

Restle: Ja, das ist eine sehr bunte Atmosphäre.

(1:47 - 2:16)

Die meisten Menschen, die hier sind, kommen aus afrikanischen Staaten, insbesondere aus Westafrika, weil wir sind ja hier in Benin an der Atlantikküste im Westen Afrikas, aber sind viele Menschen auch aus Südamerika da, aus asiatischen Staaten da. Das ist eine sehr bunt gemischte und eine sehr engagierte Ansammlung von Menschen, das kann man sagen, die hier für ihre Sache und für ihre Rechte kämpfen. 

Götzke: Wie üblich auf solchen Foren oder auf solchen Gipfeln gibt es diverse Themen, Kampf gegen Landraub, Überschuldung, Bodenschätze.

(2:17 - 2:44)

Gibt es eines, das so ein bisschen herausragt? 

Restle: Ja, ich glaube, was tatsächlich herausragt, ist das Thema Ernährungssicherheit, also die Rechte von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, weil wir ja gesehen haben, dass durch den Krieg in der Ukraine oder durch die Schließung der Straße von Hormuz weniger Getreide oder Düngemittel auch in die afrikanischen Staaten gelangt ist. Und da ringen die Menschen jetzt darum, wie man damit umgeht. Und die Lösung dafür ist Ernährungssouveränität, nennt sich das.

(2:44 - 3:10)

Das heißt, die Staaten oder die Bauern und die Bäuerinnen wollen die Landwirtschaft wieder in ihre eigene Hände nehmen. Das heißt, man gründet eigene Saatgutbanken, man versucht, den Dünger lokal vor Ort herzustellen, um sich unabhängig zu machen vor solchen Entwicklungen und die Ernährungssicherheit in diesen Ländern zu gewährleisten. Und gerade die letzten Monate mit der Schließung der Straße von Hormuz haben eben gezeigt, dass es auch dringend nötig ist, weil das hat den Kontinent hier schon sehr hart getroffen.

(3:11 - 3:26)

Götzke: Die Teilnehmenden sind Vertreter von Zivilgesellschaften, NGOs, vor allem aus dem globalen Süden. Also ist man da so ein bisschen unter sich? 

Restle: Nicht ganz unter sich, weil es gibt natürlich auch Vertreter aus dem Norden. Also gerade hatte ich es angesprochen.

(3:26 - 3:38)

Die kirchlichen Hilfswerke sind beispielsweise aus Deutschland dabei, "Brot für die Welt" und Misereor. "Medico International" ist dabei, Attac ist dabei. Das heißt, einige NGOs aus dem Norden sind dabei.

(3:38 - 4:21)

Aber das Bild wird eindeutig geprägt von den Vertretern und Vertreterinnen des globalen Südens, sei es hier aus Westafrika oder Lateinamerika. 

Götzke: Welche Relevanz hat denn so ein Forum, an dem Regierungsvertreter, also Entscheidungsträger, ausgeschlossen sind, nicht teilnehmen sollen? 

Restle: Ich glaube und so sehen, dass die Teilnehmer und Teilnehmerinnen hier, zumindest eine sehr große Relevanz, weil wir gerade in den letzten Jahren auch hier in Westafrika erlebt haben, dass autoritäre Regime Zuwachs bekommen haben. Also wenn man sich die Lage hier in Mali, Burkina Faso oder Niger anschaut, wo von demokratischen oder menschenrechtlichen Zuständen kaum noch die Rede sein kann, dann spielen diese sozialen Bewegungen, diese NGOs eine riesige Rolle,

(4:22 - 4:38)

auch deshalb, weil diese Regierungen offensichtlich bei Themen wie Migration oder Klimaschutz offensichtlich versagen. Und deswegen ist es ja so wichtig, dass die Zivilgesellschaft hier ihre eigenen Forderungen formuliert und das dann auch in den Ländern durchsetzt. In den letzten Tagen, ja, Entschuldigung,

(4:38 - 4:51)

Gretze: Und da geht es dann vor allem auch um Vernetzung und transnationale Vernetzung von NGOs und Aktivisten. 

Restle: Ja, darum geht es auch, aber es geht schon auch darum, hier eigene neue Modelle zu diskutieren. Also mit Ernährungssicherheit hatte ich das angesprochen.

(4:51 - 5:19)

Ein anderes wichtiges Thema, das diskutiert wird, ist Klimaschutz. Wir waren hier in den letzten Tagen in den Makrovenwäldern an der Küste von Benin unterwegs, wo Aufforstungsprojekte für den Klima- und Küstenschutz jetzt in Gefahr sind, weil die internationalen Geberstaaten aus dem Norden sich zurückgezogen haben. Das sind massive Kürzungen und das ist ein riesiges Thema hier, das mittlerweile von den einzelnen Staaten selber nicht mehr gestemmt werden kann.

(5:19 - 5:46)

Also dieses Aufforstungsprojekt der Makrovenwälder hier in Benin steht im Augenblick in Frage. Und dann kommen eben auch diese zivilgesellschaftlichen Organisationen ins Spiel, die sagen, wir müssen gucken, wie wir den Erhalt für Klima- und Küstenschutz oder den Kampf für Klimaschutz und Küstenschutz wieder selber in die Hand nehmen und das Thema in unseren Ländern auch nach vorne bringen. Und sie sagten es, das Ganze natürlich transnational, weil das sind ja keine nationalen Themen, das sind ja globale Themen.

(5:46 - 6:22)

Götzke: Zum Teil ist es dann aber auch wirklich so, dass NGOs, Aktivisten da eine größere Relevanz möglicherweise haben als in Europa, in Deutschland, wenn staatliche Akteure bestimmte Aufgaben dann eben nicht übernehmen? 

Restle: Naja, eine höhere Relevanz einerseits, andererseits werden sie diskriminiert, werden sie verfolgt, werden sie inhaftiert. Wir hatten hier Vertreter aus Mali auch, mit denen wir gesprochen haben, die jahrelang im Gefängnis saßen, weil sie für ihren Kampf um Landrechte oder Frauenrechte schwerst unter Druck geraten. Das ist hier ein wichtiges Thema, Menschenrechte.

(6:22 - 7:07)

Und nicht nur für solche Themen, sondern beispielsweise auch für LGBT, was hier tatsächlich auch ein Forum bildete, Menschen, die verfolgt werden, weil sie schwul, lesbisch oder trans sind, dass die hier die Möglichkeit haben, sich mal länderübergreifend zu unterhalten in einer Weltregion, in der Homosexualität bestraft wird, in der Demokratischen Republik Kongo sogar mit der Todesstrafe. Das ist wichtig für die Menschen, dass sie sich hier sozusagen auch ein gewisses Empowerment holen und sich verbinden können mit anderen Gruppierungen, weil sie sonst in ihren Ländern sehr allein sind oder Gefahr laufen verfolgt zu werden oder inhaftiert zu werden. 

Götzke: Das Weltsozialforum spielt keine Rolle oder so gut wie keine Rolle in deutschen Medien.

(7:07 - 7:28)

Haben Sie eine Erklärung dafür? 

Restle: Ja, das wundert mich auch. Wir sind hier eine der wenigen westlichen Journalisten, die vor Ort sind. Ich kann mir das nur dadurch erklären, dass die Fixierung der medialen Berichterstattung dann doch auf Regierungspolitik dazu beiträgt, dass man soziale Bewegungen, die so wichtig sind für den globalen Süden, immer noch ignoriert, deren Bedeutung auch ignoriert.

(7:29 - 7:59)

Und ich würde mir eigentlich wünschen, dass bei den nächsten Weltsozialforen ein paar andere Kollegen auch da sind und man nicht hier ganz einsam, also ganz so einsam bin ich nicht, ich bin nicht der Einzige, aber es sind doch sehr wenige, die hier sind, dass man da mal den Blick drauf richtet. Das hat schon auch was mit der Marginalisierung der großen Probleme und der großen Krisen des globalen Südens in der deutschen Berichterstattung zu tun. 

Götzke: Sagt unser Afrika-Korrespondent Georg Restle live vom Weltsozialforum in Benin. Vielen Dank. 

Restle: Ich bedanke mich.


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